Die Rolle deutscher Akteure beim Putsch und während der Diktatur in Chile

2. Redebeitrag von ¡Alerta! zur Demo am 11. September 2013 in Düsseldorf aus Anlass des 40. Jahrestages des Militärputsches in Chile

Auch deutsche Akteure waren in vielfacher Weise am Sturz der Regierung Allende und den Verbrechen der Diktatur beteiligt. Die Regierung und staatliche Stellen der BRD haben die Regierung Allende durch ihre Maßnahmen destabilisiert und nach dem Putsch die Diktatur unter Pinochet unterstützt. Deutsche Unternehmen sahen durch den gesellschaftlichen Aufbruch und die wirtschaftlichen Reformen unter Allende ihre hohen Gewinne gefährdet, die sie durch Ausbeutung von Menschen und Natur in Chile erwirtschafteten. Unternehmen wie Hoechst, BASF, Bayer, VW, Siemens und Hochtief unterstützten deshalb die Bemühungen zum Sturz der Regierung Allende und kooperierten anschließend mit der Diktatur. Dazu gehörte auch die damals unter anderem in Düsseldorf tätige Phoenix-Rheinrohr, die heute Teil von ThyssenKrupp ist.

Angesichts dieser Rolle deutscher Akteure fordern wir eine historische Aufarbeitung der deutschen Beteiligung an den Verbrechen der Diktatur in Chile! Wir fordern außerdem eine öffentliche Entschuldigung bei den zahlreichen Opfern und ihren Angehörigen sowie deren angemessene Entschädigung!

Aber bis heute unterstützt die Regierung der BRD eher die Täter als ihre Opfer. Dies zeigt etwa der Fall des Deutschen Hartmut Hopp, ein Täter der in Krefeld seinen Lebensabend genießt. Hopp war Arzt der „Colonia Dignidad“, einer abgeschotteten deutschen Sekten-Siedlung in Chile. Er gehörte zur Führung der Siedlung und vertrat sie in der Öffentlichkeit.

Während der Diktatur arbeitete die „Colonia Dignidad“ eng mit dem chilenischen Geheimdienst DINA zusammen. Hartmut Hopp hatte persönlich engste Kontakte zu dem Geheimdienstchef und anderen Schergen des Regimes. Die Siedlung diente dem chilenischen Geheimdienst während der Diktatur als Zentrum für Folter und Mord. Der Geheimdienst verschleppte politische Gefangene in die Siedlung und folterte sie dort. Über 100 dieser Gefangenen wurden dort ermordet. Viele von ihnen gelten bis heute als verschwunden.

Die deutsche Regierung wusste bereits seit Mitte der 70er Jahre über die Aktivitäten der Colonia Dignidad Bescheid. Sie unternahm nichts. Der damalige deutsche Botschafter in Chile verbürgte sich stattdessen öffentlich für die Siedlung.

Und heute? Die jetzige Bundesregierung unterstützt die Siedlung seit 2008 mit jährlich einer Viertel Millionen Euro aus Steuergeldern. Mit dieser Hilfe wird die Siedlung zu einer touristischen Attraktion mit Hotel, Oktoberfest und deutschem Bier umgebaut. Die Menschenrechtsverletzungen die dort begangen worden sind, werden vor Ort nicht erwähnt. Auf die Forderung der Opfer und deren Angehörigen, dort eine Gedenkstätte zu errichten, wird nicht reagiert. Auch deutsche Stellen tun bis heute nichts, um die Verbrechen der Diktatur aufzuklären und die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen.

Auch deshalb geht eine politische und juristische Aufarbeitung nur schleppend voran. Dennoch ist ein Anfang gemacht: In Chile wurden mittlerweile verschiedene Mitglieder der „Colonia Dignidad“ verurteilt. Allerdings nicht wegen der Unterstützung der Verbrechen während der Diktatur sondern wegen der systematischen Misshandlung deutscher und chilenischer Kinder in der Siedlung. Auch Hartmut Hopp ist von einem chilenischen Gericht Anfang 2013 rechtskräftig wegen Beihilfe zu mehrfachem Kindesmissbrauch zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. 2011 floh er allerdings nach Deutschland und lebt seither in Krefeld. Einen chilenischen Auslieferungsantrag lehnte die deutsche Regierung ab. Einzige Chance für eine Umsetzung des Urteils ist nun, dass deutsche Stellen rasch handeln und Hopps Strafe in Deutschland vollstreckt wird.

Zusammen mit den Überlebenden der Folter und den Angehörigen der ermordeten Opfer fordern wir daher von der deutschen Regierung und den zuständigen Gerichten alles zu tun, damit Hartmut Hopp sofort seine Strafe antreten muss. Wir fordern die Bundesregierung auf, alles zu tun, damit die deutschen und chilenischen Verantwortlichen für die Folter und den Mord in der „Colonia Dignidad“ möglichst schnell und umfassend zur Verantwortung gezogen werden. Dazu gehört auch eine Offenlegung aller Akten und eine Unterstützung der Opfer-Initiativen auf allen Ebenen.

Wir fordern von der Bundesregierung ein Eingeständnis ihres Mitwissens und ihrer Mitschuld bezüglich der begangenen Verbrechen. Wir fordern eine Entschuldigung bei den Opfern und ihren Angehörigen und eine angemessene Entschädigung.

Deutsche Akteure waren an den Verbrechen beteiligt – sie müssen bestraft werden!
Die BRD hat eine historische Verantwortung und Mitschuld an den Verbrechen der Diktatur – dieser muss sie gerecht werden!

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Quellen:
Deutschland ist mit verantwortlich
Kampf gegen das Schweigen
Colonia Dignidad: Demonstranten in Berlin fordern Aufarbeitung
Chile: Demonstration vor Colonia Dignidad
Protest in Krefeld gegen Hartmut Hopp
Allez Hopp!
Verurteilt in Chile – (noch) frei in Deutschland