Archiv für Januar 2013

„Mit unserem Schweigen meldeten wir uns. Nun verkünden wir mit unserem Wort folgendes:“ – die EZLN kündigt in ihrem Kommuniqué neuen Schritte an

Nach der überraschenden symbolischen Einnahme von fünf Bezirkshauptstädten in Chiapas am 21.12.2012, bei der 50.000 junge Zapatistas – also die zweite oder dritte Generation der Bewegung und ebensoviele Männer wie Frauen – ein beeindruckendes Zeichen der Stärke und Geschlossenheit der Bewegung aussandten, haben die Zapatistas zum Jahresende ein neues, umfangreiches Kommuniqué veröffentlicht. Ebenso wie die Großmobilisierung hat dies vor allem eine Botschaft: Trotz Krieg und Aufstandsbekämpfung durch zehntausende Soldaten, Polizei und Paramilitärs, trotz Lügen und Schweigen in den Medien und Verlautbarungen, trotz Milliarden von Pesos für Korruption, Megaprojekten und „Entwicklungshilfe“ – auch 19 Jahre nach ihrem Aufstand sind die Zapatistas stark und widerständig; sie haben ihre Selbstverwaltung gestärkt und von ihr profitiert; und: Sie machen mit neuem Schwung weiter!

Sie konstatieren in ihrem Kommuniqué, in den Jahren seit ihrem Aufstand hätten sie ihre Lebensbedingungen entscheident verbessert – diese seien besser als die der Regierungsanhänger_innen, die nur Almosen erhielten. Sie aber lebten in Einklang mit der Natur und in einer solidarischen Gemeinschaft, auf ihrem eigenen Land mit guten Schulen und einem guten Gesundheitssystem, selbstverwaltet, nach ihren eigenen Vorstellungen und ihrer eigenen Kultur und offen für die Welt. „All dies wurde nicht nur ohne die Regierung, die politische Klasse und die sie begleitenden Medien erreicht, sondern auch während wir gegen ihre Angriffe aller Art Widerstand leisteten,“ schreiben sie. Die Medien und die offizielle Politik, aber auch Teile der mexikanischen Linken hätten versuchte, die Zapatistas durch Angriffe und Verschweigen zum Verschwinden zu bringen. Aber: „Wie der 21. Dezember 2012 es zeigte, sind sie alle gescheitert“. Nun hätten die Regierenden die Wahl: Entweder sie setzen ihre Aufstandsbekämpfung und die Nicht-Anerkennung der Zapatistas fort, oder sie setzen endlich die getroffenen Vereinbarungen um und erkennen an, „dass auf zapatistischem Gebiet in Chiapas, Mexiko, eine neue Form des sozialen Lebens erblüht.“

Die Zapatistas ihrerseits kündigen an, dass sie wieder verstärkt in Austausch mit den sozialen Bewegungen in Mexiko und weltweit treten wollen. Dafür wollen sie bereits existierende Strukturen und Plattformen nutzen, aber auch neue Brücken schlagen. Sie wollen eine mexiko- und weltweiten, internen Kommunikationsstruktur schaffen und in der kommenden Zeit verschiedene zivile Initiativen vorschlagen.

Der kompletten Text des Kommuniqués in Deutsch findet sich hier.

Seit dem Überraschungscoup der Zapatistas am 21.12. widmen sich nun auch die großen Medien und die offizielle Politik wieder den Zapatistas. Die Regierung von Chiapas und das mexikanische Parlament haben vorgeschlagen bzw. angekündigt, mit den Zapatistas neue Verhandlungen aufzunehmen. Der neue mexikanische Innenminister bat die Zapatistas in einem Interview, doch Geduld mit der neuen Bundesregierung zu haben, man kenne sich ja noch gar nicht. Auf diese Aussage reagierte der Sprecher der Zapatistas, Subcomandante Marcos, mit einem sarkastischen Offenen Brief mit dem Titel „Wir kennen sie also nicht?“ – in dem er die Verbrechen verschiedener Regierungsmitglieder auflistet. (Hier der Brief in deutscher Übersetzung)

Stand: 13.1.2013

Weitere Informationen:

Poonal (2.1.2013): „EZLN kündigt zivile und gewaltfreie Initiativen an“
Neues Deutschland (2.1.2013): „Zapatisten melden sich zurück“
Amerika21: Mexikanischer Innenminister bittet Zapatisten um Geduld

7.3. – Und dann der Regen / Tambien la Lluvia (Spielfilm)

Donnerstag, 7. März 2013, ab 19 Uhr Kneipe und VoKü, ab 20.30 Uhr Einführung und Film (Spanisch mit deutschen Untertiteln)
Linkes Zentrum „Hinterhof“, Corneliusstr. 108, Düsseldorf

In kritischer Absicht will ein europäisches Team einen Film über Kolumbus „Entdeckung Amerikas“ drehen. Diese soll als Beginn von brutaler Kolonialherrschaft, Ausbeutung und den Widerstand dagegen erzählt werden. Weil die Produktion hier billiger ist wird im Hochland Boliviens gedreht. Doch im nahen Cochabamba bricht während des Drehs ein Volksaufstandes gegen die Privatisierung der Wasserversorgung aus – der sogenannte „Wasserkrieg“ aus dem Jahr 2000. Plötzlich befindet sich die Filmcrew mitten im immer noch aktuellen Konflikt zwischen Herrschaft und Unterdrückung, zwischen Ausbeutung und Widerstand.

Auf intelligente Weise thematisiert der Film so das komplexe und weiterhin ungleiche Verhältnis zwischen (ehemaligen) Kolonisatoren und Kolonisierten.

Eine Veranstaltung von ¡Alerta! – Lateinamerika Gruppe Düsseldorf und Café Bunte Bilder

26.2. – Schweigend melden sich die Zapatistas zurück (Input und Diskussion)

Dienstag, 26.2.2013, ab 19 Uhr Kneipe und Essen gegen Spende, ab 19.30 Uhr Input und Diskussion
Linkes Zentrum „Hinterhof“, Corneliusstr. 108, Düsseldorf

Mit ihrer überraschenden Großmobilisierung am 21.12.2012 haben die Zapatistas sich eindrucksvoll zurück ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht. Friedlich und in völliger Stille besetzen fast 50.000 vor allem junge Zapatistas die zentralen Plätze von fünf Provinzhauptstädten in Mexikos südlichstem Bundesstaat Chiapas – jene Städte, die die Guerilla-Truppen der indigene soziale Bewegung bei ihrem bewaffneten Aufstand vor 19 Jahre schon einmal kurzzeitig eingenommen hatten. In den Wochen nach diesem eindrucksvollen Stärkebeweis veröffentlichten die Strukturen der basisdemokratischen Bewegung gleich mehrere Kommuniqués, in denen sie Bilanz zogen, mit ihren Gegnern abrechneten und nach vorne blickten. Unter anderem kündigten sie dabei weitere Initiativen und die Vernetzung mit sozialen Bewegungen „von Unten und Links“ in Mexiko und weltweit an. (Mehr Infos zu den Ereignissen und Veröffentlichungen findet ihr unter „Allgemeines“)

In der Veranstaltung wollen wir über die jüngsten Aktionen und Äußerungen der Zapatistas vor dem Kontext der allgemeinen Entwicklungen in Chiapas und Mexiko berichten und uns über Interpretationen austauschen. Außerdem wollen wir darüber diskutieren, was dies für die sozialen Kämpfe in Mexiko, für die transnationale Solidarität und für Kämpfe hier bedeuten kann.

Eine Veranstaltung von ¡Alerta! – Lateinamerika Gruppe Düsseldorf.

EZLN kündigt die nächsten Schritte an

Übersetzung von Dana, überarbeitet von ¡Alerta!
Anmerkungen von ¡Alerta!
Spanisches Original unter: Enlace Zapatista

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Kommuniqué des Geheimen Revolutionären Indigenen Komitees – Generalkommandantur der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung.
Mexiko.

30. Dezember 2012.

An die mexikanische Bevölkerung:
An die Bevölkerungen und Regierungen der Welt:
Brüder und Schwestern:
Compañeros und Compañeras:

Am vergangenen 21. Dezember 2012, in den frühen Morgenstunden, mobilisierten wir, Zehntausende zapatistische Indigenas, uns und besetzten, friedlich und schweigend, fünf Bezirkshauptstädte im südöstlichen mexikanischen Bundesstaat Chiapas.

In den Städten Palenque, Altamirano, Las Margaritas, Ocosingo und San Cristóbal de las Casas betrachteten wir schweigend sie und uns selbst.2

Unsere Botschaft handelt nicht von Resignation.

Sie handelt nicht von Krieg, Tod und Zerstörung.

Unsere Botschaft handelt von Kampf und Widerstand.

Nach dem mediengesteuerten Staatsstreich, der die sich schlecht verstellende und noch schlechter geschminkte Ignoranz zur Bundesregierung erhob1, traten wir in die Öffentlichkeit, um sie wissen zu lassen, dass, wenn sie nie verschwunden sind, wir das genauso wenig sind.

Vor sechs Jahren machte sich ein Teil der politischen und intellektuellen Klasse daran, einen Sündenbock für sein Niederlage zu finden.3 Zu dieser Zeit kämpften wir in Städten und Gemeinden für Gerechtigkeit für Atenco – etwas, das damals nicht gerade in Mode war.4

In diesem Gestern verleumdeten sie uns zuerst und versuchten danach, uns zum Schweigen zu bringen.

Zu unfähig und unehrlich um zu erkennen, dass sie den Samen ihres Untergangs in sich selbst trugen und tragen, versuchten sie, uns mit der Lüge und dem konspirativen Schweigen zum Verschwinden zu bringen.5

Sechs Jahre später sind zwei Dinge klar:

Sie brauchen uns nicht, um zu versagen.

Wir brauchen sie nicht, um zu überleben.

Wir, die nie verschwunden sind, auch wenn das gesamte Medienspektrum sich bemüht hat, Sie dies glauben zu lassen, erheben uns wieder als indigene Zapatistas, die wir sind und sein werden.

In diesen Jahren haben wir uns gestärkt und haben unsere Lebensbedingungen bedeutend verbessert. Unser Lebensstandard ist höher als in den indigenen Gemeinden, die der Regierung hörig sind, die Almosen erhalten und mit Alkohol und nutzlosen Artikeln überschüttet werden.

Unsere Häuser haben sich verbessert, ohne der Natur zu schaden und ihr Wege aufzuzwingen, die ihr fremd sind.

In unseren Dörfern dient heute das Land, das früher dazu da war, das Vieh der großen Farmer und Großgrundbesitzer zu mästeten, dem Anbau von Mais, Bohnen und dem Gemüse, welche unsere Tische erleuchten.

Unsere Arbeit wird mit der doppelten Zufriedenheit belohnt, uns mit dem Nötigen zu versorgen, um anständig leben zu können, und zum kollektiven Wachstum unserer Gemeinden beizutragen.

Unsere Jungen und Mädchen besuchen eine Schule, die ihnen ihre eigene Geschichte beibringt, die ihrer eigenen Heimat und die der ganzen Welt, sowie die nötigen Wissenschaften und Techniken, um sich zu bilden ohne aufzuhören Indigenas zu sein.

Die indigenen zapatistischen Frauen werden nicht wie Waren verkauft.

Die indigenen PRI-Anhänger kommen in unsere Krankenhäuser, Kliniken und Labors, weil es in denen, die die Regierung zur Verfügung stellte, weder Medikamente, noch Geräte noch Doktoren, noch qualifiziertes Personal gibt.

Unsere Kultur erblüht, nicht isoliert von, sondern bereichert durch die Begegnung mit den Kulturen anderer Gesellschaften Mexikos und der ganzen Welt.

Wir regieren und wir regieren uns selbst, indem wir stets zuerst den Konsens statt der Konfrontation anstreben.

All dies wurde nicht nur ohne die Regierung, die politische Klasse und die sie begleitenden Medien erreicht, sondern auch während wir gegen ihre Angriffe aller Art Widerstand leisteten.

Wir haben wieder einmal gezeigt, dass wir die sind, die wir sind.

Mit unserem Schweigen meldeten wir uns.

Nun verkünden wir mit unserem Wort folgendes:

Erstens.- Wir werden unsere Zugehörigkeit zum Nationalen Indigenen Kongress (Congreso Nacional Indígena6) bekräftigen und verstärken, dem Begegnungsraum mit den ursprünglichen Gesellschaften unseres Landes.

Zweitens.- Wir werden den Kontakt zu unseren Compañeros und Compañeras wieder aufnehmen, den Anhängern und Anhängerinnen der Sechsten Erklärung aus der Selva Lacandona (Sexta Declaración de la Selva Lacandona7) in Mexiko und weltweit.

Drittens.- Wir beabsichtigen die erforderlichen Brücken zu den sozialen Bewegungen, die entstanden sind und entstehen werden, zu bauen – nicht um zu führen oder zu verdrängen, sondern um von ihnen zu lernen, von ihrer Geschichte, von ihren Wegen und ihren Zielen.

Hierfür haben wir die Unterstützung von Einzelpersonen und Gruppen in verschiedenen Gegenden Mexikos gewonnen, die Unterstützungsteams der Kommissionen der Sechsten Erklärung und der Sexta International der EZLN (Comisiones Sexta e Internazional del EZLN) bilden. Diese werden als Kommunikationsverbindungen zwischen den zapatistischen Unterstützungsbasen und den Einzelpersonen, Gruppen und Kollektiven tätig sein, die in Mexiko und weltweit Anhänger und Anhängerinnen der Sechsten Erklärung sind und die weiterhin die Überzeugung und das Engagement haben, sich am Aufbau einer nicht-institutionellen linken Alternativen zu beteiligen.

Viertens.- Wir halten unsere kritische Distanz zur mexikanischen politischen Klasse weiterhin aufrecht, die in ihrer Gesamtheit nichts anderes getan hat, als auf Kosten der Bedürfnisse und Hoffnungen der einfachen und bescheidenen Leute zu gedeihen.

Fünftens.- Hinsichtlich der schlechten Regierungen auf Bundes-, Staats- und Bezirksebene, der Exekutive, Legislative und Judikative, und den Medien, die sie begleiten, sagen wir folgendes:

Die schlechten Regierungen des gesamten politischen Spektrums, ohne irgendeine Ausnahme, haben alles in ihre Macht stehende getan, um uns zu vernichten, uns zu kaufen, uns zu unterwerfen. PRI, PAN, PRD, PVEM, PT, CC und die künftige Partei der RN8 haben uns allesamt militärisch, politisch, sozial und ideologisch angegriffen.

Die Massenmedien versuchten, uns zum Verschwinden zu bringen, zuerst durch kriecherische und opportunistische Verleumdung, und dann durch verschlagenes und konspiratives Schweigen. Jene, denen sie gedient haben und von dessen Geld sie sich genährt haben, sind bereits nicht mehr da. Und jene, die diese gerade ablösen, werden auch nicht länger als ihre Vorgänger durchhalten.

Wie der 21. Dezember 2012 es zeigte, sind sie alle gescheitert.

Es bleibt daher der exekutiven, legislativen und judikativen Bundesorgane9 überlassen, zu entscheiden, ob sie erneut die Politik der Aufstandsbekämpfung anwenden wollen, die bisher nur eine haltloses und durch Medienmanipulationen ungeschickt aufrecht erhaltenes Trugbild zuwege gebracht hat, oder ob sie ihre Verpflichtungen anerkennt und erfüllt und den indigenen Rechte und Kultur Verfassungsrang gibt, wie die sogenannten „Abkommen von San Andrés“ festgelegen, die 1996 von der Bundesregierung unterzeichnet wurden, damals unter Leitung der gleichen Partei, die heute an der Regierungsmacht ist10.

Es bleibt der Regierung des Bundesstaates überlassen zu entscheiden, ob sie weiterhin die unehrliche Strategie und das Scheitern ihrer Vorgänger fortsetzen möchte, die nicht nur korrupt und lügnerisch waren, sondern auch das Geld der Bevölkerung von Chiapas zur eigenen Bereicherung und die ihrer Komplizen genutzt haben, die dreist Sprecher und Schreiberlinge in den Medien gekauft haben, während sie die Bevölkerung von Chiapas ins Elend stürzten, und gleichzeitig Polizei und Paramilitärs einsetzten, um zu versuchen, den organisatorischen Fortschritt der zapatistischen Gemeinden aufzuhalten; oder, ob sie stattdessen mit Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit unsere Existenz akzeptiert und respektiert, und akzeptieren, dass auf zapatistischem Gebiet in Chiapas, Mexiko, eine neue Form des sozialen Lebens erblüht. Ein Blühen, das die Aufmerksamkeit aufrechter Personen auf dem ganzen Planeten auf sich zieht.

Es bleibt den Bezirksregierungen überlassen zu entscheiden, ob sie weiterhin die Mühlsteine schleppen möchten, mit denen die antizapatistischen oder angeblich „zapatistischen“ Organisationen sie erpressen, um unsere Gemeinden anzugreifen; oder, ob sie dieses Geld nicht besser dazu nutzen, die Lebensbedingungen der Bevölkerung zu verbessern, für die sie verantwortlich ist.

Es bleibt der mexikanischen Bevölkerung, die sich organisiert, um Wahlkampf zu machen und um Widerstand zu leisten11, überlassen zu entscheiden, ob sie uns weiterhin als Feinde oder Rivalen betrachtet, an denen sie ihre Frustration über die Wahlbetrügereien und Angriffe abreagieren, unter denen wir letztendlich alle zu leiden haben, und ob sie sich in ihrem Kampf um die Macht weiterhin mit denen, die uns verfolgen, verbünden möchten; oder, ob sie endlich in uns eine andere Form des Politikmachens erkennen.

Sechstens.- In den nächsten Tagen wird die EZLN durch ihre Kommissionen der Sechsten Erklärung und der Sexta International (Comisiones Sexta e Internazional) eine Reihe von Initiativen zivile und gewaltlose Charakters bekannt geben, um weiter gemeinsam voran zu gehen mit den anderen ursprünglichen Gesellschaften Mexikos und des ganzen Kontinents und mit denen in Mexiko und auf der gesamten Welt, die von unten und links Widerstand leisten und kämpfen.

Brüder und Schwestern:
Compañeros und Compañeras:

Wir hatten früher das Glück, über die ehrliche und großherzige Aufmerksamkeit verschiedener Medien zu verfügen. Wir danken ihnen dafür. Aber durch ihre spätere Haltung wurde dies vollständig ausradiert.

Jene, die darauf setzten, dass wir nur in den Medien existieren, und mit der Umzingelung durch Lügen und Schweigen verschwinden würden, haben sich geirrt.

Wenn es keine Kameras, Mikrofone, Federn, Ohren und Blicke gibt, existieren wir.

Wenn sie uns verleumden, existieren wir.

Wenn sie uns totschweigen, existieren wir.

Und hier sind wir und existieren.

Unser Weg, wie es sich gezeigt hat, ist nicht von der Wirkung in den Medien abhängig, sondern von dem Verständnis der Welt und ihrer Einzelteile, von der indigenen Weisheit, die unsere Schritte leitet, von der unerschütterlichen Entschlossenheit, den die Würde von unten und links verleiht.

Von nun an wird unser Wort sich an ausgewählte Empfänger richten und – mit wenigen Ausnahmen – wird es nur von denen verstanden werden können, die mit uns gegangen sind und gehen, ohne sich den medien- und konjunkturbedingten Moden zu unterwerfen.

Hier, mit nicht wenigen Irrtümer und vielen Schwierigkeiten, ist eine andere Form Politik zu machen bereits Realität.

Wenige, sehr wenige, werden das Privileg haben, sie zu kennen und direkt von ihr zu lernen.

Vor 19 Jahren überraschten wir sie, als wir ihre Städte mit Feuer und Blut einnahmen. Jetzt haben wir es erneut getan – ohne Waffen, ohne Tod, ohne Zerstörung.

Wir unterscheiden uns somit von jenen, die während ihrer Regierungszeit, den Tod unter den von ihnen Regierten verbreiteten und verbreiten.

Wir sind die Gleichen wie vor 500 Jahren, wie vor 44 Jahren, wie vor 30 Jahren, wie vor 20 Jahren12, und wie vor einigen Tagen.

Wir sind die Zapatistas, die Allerkleinsten, die in der entlegensten Ecke des Landes leben, kämpfen und sterben, die nicht nachgeben, die sich nicht verkaufen, die sich nicht ergeben.

Brüder und Schwestern:

Compañeros und Compañeras:

Wir sind die Zapatisten und Zapatistinnen. Wir umarmen Euch.

Demokratie!

Freiheit!

Gerechtigkeit!

Aus den Bergen des mexikanischen Südostens.
Für das Geheime Revolutionäre Indigene Komitee – Generalkommandantur der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung


Subcomandante Insurgente Marcos.

Mexiko. Dezember 2012 – Januar 2013.

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Hör dir die Musik an, die dieses Schreiben begleitet:

“Latinoamérica” von Calle 13 (bestehend aus René Pérez Joglar, Eduardo José Cabra Martínez (Gastauftritt) und Ileana Cabra (PG 13). Mit Totó la Mamposina, Susana Baca und María Rita.

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Anmerkungen von ¡Alerta!:

  1. Anfang Dezember wurde die neue mexikanische Regierung unter Enrique Peña Nieto trotz starker Proteste und Vorwürfe der Wahlfälschung vereidigt. Neben Wahlfälschung hat Nieto die Wahl vor allem gewonnen, da er von den großen privaten Medien stark unterstützt wurde. [zurück]
  2. Mehr Infos dazu hier. [zurück]
  3. Auch bei der vorhergehenden Präsidentenwahl (2006), bei der der konservative Felipe Calderón zum Sieger erklärt wurde, gab es glaubwürdige Vorwürfe der Wahlfälschung. Damals erklärte die Wahlkommission ihn trotz starker Proteste und nur wenigen Stimmen Unterschied zum Sieger vor dem sozialdemokratischen Kandidaten Andrés Manuel López Obrador. Ein Teil der mexikanischen Linken anschließend warf den Zapatistas vor, ihre gegen alle Präsidentschaftskandidaten gerichtete Kritik und Ablehnung habe Obrador den Sieg gekostet. [zurück]
  4. Unter dem damaligen Bundesstaats-Gouverneur und heutigen mexikanischen Präsidenten Peña Nieto kam es 2006 zu brutaler Polizeigewalt gegen die widerständige Gemeinde San Salvador Atenco (zu den damaligen Ereignissen und dem Kampf Atencos bis heute hier ein Video). Diese brutale Repression in Atenco wurde Peña Nieto im Wahlkampf 2012 von seinen politischen Gegnern und von der großen (vor allem studentischen) Bewegung #yosoy132 vorgehalten. In den Jahren davor gab es weniger Unterstützung für Atenco, die Zapatistas allerdings waren dem Widerstand von Atenco seit 2006 stark verbunden.[zurück]
  5. Hier wird darauf angespielt, dass die Zapatistas, die vorher ein großes öffentliches Interesse auf sich zogen, in den letzten Jahren im öffentlichen Raum in Mexiko immer weniger Erwähnung fanden. Die Regierung wendet die das Verschweigen als eine Strategie im sogenannten Krieg niederer Intensität an, den sie gegen die Zapatistas führt. Aber auch die großen Medien und Teile der mexikanischen Linken befassten sich kaum noch mit den Zapatistas.[zurück]
  6. Der Congreso Nacional Indígena ist ein 1996 auf Initiative der Zapatistas erstmal zusammengekommenes Treffen von Vertreter_innen der verschiedenen indigenen Gesellschaften Mexikos, mit dem diese sich einen Raum zum Kennenlernen, Austauschen und für gemeinsame Kämpfe gegen ihre Ausgrenzung und Ausbeutung schufen.[zurück]
  7. Die letzten umfassenden politischen Erklärung der Zapatistas von 2005 (hier der Text in deutscher Übersetzung) schlug unter anderem allen Aktivist_innen und Bewegungen „von Unten und Links“ in Mexiko und weltweit vor, sich zusammen zu tun und zu vernetzen. In Mexiko ist aus diesem Vorschlag heraus die Andere Kampagne (La Otra Campaña) entstanden, ein Netzwerk emanzipatorischer basisdemokratischer Bewegungen. [zurück]
  8. Hier werden alle in Mexiko auf Bundesebene momentan relevanten Parteien aufgelistet. [zurück]
  9. Gemeint sind die mexikanische Bundesregierung, das mexikanische Parlament und der Oberste Gerichtshof. [zurück]
  10. Die „Abkommen von San Andrés“ zwischen der mexikanischen Bundesregierung und der EZLN sahen unter anderem eine Verfassungsreform vor, die die Rechte der Indigenen und ihrer Gesellschaften stärkt und ihnen bessere Möglichkeiten für die selbstbestimmte Entwicklung und den Widerstand gegen ihre Ausgrenzung und Ausbeutung gab. Die vereinbarte Reform wurde allerdings nur in stark abgeschwächter Version von der Regierung ins Parlament eingebracht und auch einer Klage des Congreso Nacional Indígena gegen diesen Bruch der „Verträge von San Andrés“ wurde vom Obersten Gerichtshof nicht stattgegeben. Seitdem hat die EZLN alle Gespräche mit der Regierung abgebrochen. Die damalige Regierungspartei PRI ist auch heute wieder an der Macht.[zurück]
  11. Gemeint sind die Unterstützer_innen und Aktivist_innen anderer linker Bewegungen und der linken Parteien. [zurück]
  12. Gemeint ist die Invasion Lateinamerikas durch die Europäer_innen ab 1492, die Niederschlagung der (vor allem studentischen) Bewegung für mehr Demokratie und Emanzipation in Mexiko (1968), der mexikanische Staatsbankrott von 1982, der das Land unter das neoliberale Diktat von Weltbank und Internationalem Währungsfond zwang, und die Unterzeichnung des neoliberalen Freihandelsvertrages NAFTA 1992 (durch Mexiko, USA und Kanada) und die damit verbundenen Abschaffung des Schutzes von kommunitärem Landbesitz durch die Verfassung. Dies führte im selben Jahr zum Entschluss der EZLN zum bewaffneten Aufstand beim Inkrafttreten des Vertrages am 1.1.1994. [zurück]