Archiv für Oktober 2012

Protest gegen Besuch von Enrique Peña Nieto bei der Bundeskanzlerin

Mit einem Schreiben an Angela Merkel (s. u.) haben wir vergangene Woche gegen den Besuch des zukünftigen mexikanischen Präsidenten, Enrique Peña Nieto, im Kanzler_innen-Amt protestiert. Damit haben wir uns dem Protest der Bewegung #yosoy132 in Deutschland, Europa und Mexiko sowie vieler anderer sozialer Bewegungen weltweit gegen den durch Wahlbetrug, Medienmanipulation und Korruption an die Macht gekommenen Peña Nieto und seine bisherige von Neoliberalismus und Gewalt geprägten Politik angeschlossen.

Auch wenn Angela Merkel Peña Nieto trotzdem empfangen hat – zumindest ist nun (wiedereinmal) klar geworden, dass sie sich gerne mit Politiker_innen trifft, die ganz eindeutig auf Gerechtigkeit, Gleichheit, Menschenrechte, Demokratie und Meinungsfreiheit nichts geben, dafür aber deutschen Konzernen dicke Gewinnmöglichkeiten durch Ausplünderung von Umwelt und Menschen bieten. Wir wünschen ihr daher von ganzem Herzen, selbst einmal Opfer staatlicher Repression wie etwa in Atenco 2006 oder von Ausbeutung in Billiglohnfabriken zu werden.

Neben diversen Protestbriefen und -aufrufen, gab es auch eine laute und bunte Demo gegen Peña Nietos Besuch in Berlin.

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Sehr geehrte Bundeskanzlerin,

hiermit protestieren wir gegen den am 11. Oktober geplanten Besuch des mexikanischen Politikers Enrique Peña Nieto im Kanzleramt.

Seine Amtzeit als Gouverneur des mexikanischen Bundesstaates México war geprägt von gravierenden Menschenrechtsverletzungen durch bundesstaatliche Sicherheitskräfte, für deren Verhalten er sich als Gouverneur bislang nicht verantwortet hat. Es ist stark zu befürchten, dass er einen derartig repressiven Politikstil auch als zukünftiger Präsident Mexikos fahren wird.

Vor kurzem wurde er zum Sieger der stark umstrittenen Präsidentschaftswahl erklärt, die von zahllosen Manipulationen, Betrügereien und Stimmenkäufen durch seine Partei geprägt war.

Bitte setzen sie sich bei zuständigen mexikanischen Behörden sowie auf internationaler Ebene dafür ein, dass die massive Verletzung des verfassungsmäßigen Wahlrechts der mexikanischen Bevölkerung aufgeklärt wird und dass insbesondere die Wahlscheine als Beweismittel nicht vernichtet werden. Fordern sie außerdem Aufklärung darüber, mit welchen Mitteln die Partei Peña Nietos ihren Wahlkampf finanziert hat.

Wir bitten sie darum, sich erst mit Enrique Peña Nieto zu treffen, wenn er klare und verbindliche Zusagen gemacht hat, wie er die in seiner repressiven Regierung des Bundesstaates Mexikos und durch die umstrittenen Wahlen aufgerissenen Wunden in der mexikanischen Gesellschaft wieder gut zu machen gedenkt.

Der geplante Empfang von Enrique Peña Nieto empört uns, da dadurch Deutschland den Eindruck vermittelt, es würde Menschenrechtsverletzungen und Wahlbetrug als Mittel der Politik billigen. Dies ist ein falsches Zeichen an die auf eine echte Demokratisierung hoffenden mexikanische Bevölkerung, international und auch an die Menschen in Deutschland.

Mit freundlichen Grüßen
¡Alerta! – Lateinamerika Gruppe Düsseldorf

„Sie erzeugen Angst und Schrecken um zu verhindern, dass die Menschen sich organisieren“

Neoliberalismus, Repression und der Kampf für Menschenrechte in Mexiko – Interview mit dem Comité Cerezo aus Mexiko

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Der mexikanische Staat setzt bewusst auf Gewalt und Schrecken, um die Gesellschaft zu kontrollieren und Prozesse der gesellschaftlichen Organisierung zu zerschlagen. Dies ist die These des Comité Cerezo aus Mexiko-Stadt. Die Organisation setzt sich in ganz Mexiko für die Rechte der von Repressionen betroffenen politischen und sozialen Aktivist_innen ein. Sie dokumentiert und veröffentlicht die vom mexikanischen Staat in diesem Zusammenhang begangenen Menschenrechtsverletzungen, unterstützt die Betroffenen und ihre Angehörigen, macht Workshops zum Thema „Schutz vor Repression“ und kämpft gegen die Kriminalisierung politischer Proteste.

Gegründet wurde das Comité Cerezo 2001. Konkreter Anlass war die Festnahme des indigenen Aktivisten Pablo Alvarado Flores und der drei Brüder Alejandro, Héctor und Antonio Cerezo Contreras, die in der Studierendenbewegung aktiv waren. Ihnen wurde vorgeworfen, Sprengsätze in drei Banken deponiert zu haben. Im Gefängnis wurden sie gefoltert. Alejandro wurde schließlich 2005 freigesprochen. Die drei anderen wurden – obwohl keine Beweise vorlagen – verurteilt und blieben bis 2006 beziehungsweise 2009 in Haft. Seit ihrer Freilassung arbeiten die vier ebenfalls beim Comité. Neben dem Thema der Inhaftierung aus politischen Gründen widmet sich die Organisation seit einigen Jahren auch der Bedrohung, Ermordung und Entführung von politischen Aktivist_innen und anderen Repressionspraktiken des Staates. Für ihre wichtige und mutige Arbeit erhielten sie bereits mehrere Morddrohungen.


Im September waren Alejandro und Antonio in Deutschland, da sie mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet wurden. Auf ihrer anschließenden Rundreise besuchten sie die Lateinamerika Gruppe ¡Alerta! in Düsseldorf. Hierbei hatten wir Gelegenheit, mit ihnen über die aktuelle Lage in Mexiko, ihre Arbeit und ihre Analyse der Situation zu sprechen.

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¡Alerta!: Ihr beschäftigt euch in eurer Arbeit mit staatlichen Repressionen und den Folgen für die sozialen Bewegungen. Diese Repression geschieht vor einem sehr konfliktreichen und gewaltvollen Gesamtkontext in Mexiko. Wie schätzt ihr die aktuelle Situation in Mexiko ein?

Alejandro: In Mexiko findet gerade eine riesige und planmäßige Militarisierung der staatlichen Institutionen und des gesellschaftlichen Lebens statt. Militär und schwer bewaffnete Bundespolizei sind im öffentlichen Raum immer präsenter. Die Militärs sind zu einer privilegierten Kaste geworden. Sie sind der einzige gesellschaftliche Sektor, dessen Gehälter in den letzten sechs Jahren1 um 110 Prozent gestiegen sind. Außerdem ist ihre Zahl im Vergleich zur Gesamtbevölkerung gestiegen. Die Polizei wird ebenfalls militarisiert. Durch Trainingskurse des Militärs wird ihr eine militärische Denkweise beigebracht. Damit sieht sie diejenigen, die für ihre Rechte kämpfen, als Feinde, die den Interessen des Vaterlandes schaden, und behandelt sie dann wie Feinde in einem Krieg.
Grund für diese planmäßige Militarisierung ist, dass sie eine Absicherung für ihre großen neoliberalen Megaprojekte brauchen, in die aus vielen Ländern investiert wird – auch aus Deutschland. Dafür müssen sie die Menschen von ihrem Land vertreiben. Sie müssen die Menschen ausbeuten und versklaven, ohne dass diese sich dagegen organisieren und protestieren können. Sie müssen diejenigen unter Kontrolle halten, die es geschafft haben, sich zu organisieren, und diese Leute beiseiteschaffen. Dieser Militarisierungsprozess, der im ganzen Land zu beobachten ist, geschieht also vor allem aufgrund von wirtschaftlichen Vorhaben, die nur einigen wenigen Vorteile bringen.

¡Alerta!: In Deutschland wird viel über die Gewalt der Drogenkartelle und den „Krieg gegen den Drogenhandel“ berichtet. Wie stehen Militarisierung und Repressionen damit im Zusammenhang?

Alejandro: In Mexiko gab es in den 60ern und 70ern eine Zunahme bewaffneter Aufstandsbewegungen. Daraufhin begann der Inlandsgeheimdienst in Mexiko die Bosse der Drogenkartelle und die Marihuana-Produzent_innen auszurüsten, damit sie die subversiven Gruppen ausschalten. Diese Strukturen der 70er bestehen bis heute. Viele, die damals beim Geheimdienst oder Militär waren, kontrollieren heute große Teile des Drogenhandels. Eines der blutrünstigsten Drogenkartelle, die Zetas, ist von früheren Mitgliedern aus Spezialeinheiten des Militärs gegründet worden, die durch das US-Militär ausgebildet wurden. Die Mehrheit der anderen Gruppen hatn ebenfalls militärische Ausbildungen in Aufstandsbekämpfung bekommen. Also muss man fragen, ob das Zufall ist oder Absicht dahinter steckt. Wir glauben, dass der „Krieg gegen den Drogenhandel“ und der „Kampf zwischen Kartellen“ – wie es in den Nachrichten genannt wird – ein Vorwand dafür ist, dass der Staat die Gesellschaft besser unter Kontrolle hat. Wir bezeichnen das organisierte Verbrechen daher als paramilitärische Banden, denn wir glauben, dass es eine direkte Verbindung mit dem Staat gibt und dass hinter ihrer Existenz eine staatliche Strategie steckt.

Antonio: Was unerwähnt und versteckt bleibt: Wenn es Auseinandersetzungen zwischen den Banden gibt oder der Staat angeblich gegen die Kartelle vorgeht, dann ist das oft auch eine miese Art, die Leute aus ihren Häusern und von ihrem Land zu vertreiben. Sie machen das, weil sie die Gebiete für Bergbau-Megaprojekte brauchen. In Mexiko gibt es mehr als 700 Bergbau-Projekte und -vorhaben von nationalen und internationalen Unternehmen. Das heißt, sie brauchen diese Gebiete. Auch die Produktion von Windenergie wird in Mexiko durch die Vertreibung von Dörfern ermöglicht. Dieser angebliche Krieg gegen den Drogenhandel ist ein Krieg zur Vertreibung von Menschen und zur Kontrolle der Gesellschaft. Ebenso wie die USA erfunden haben, dass der Feind der Terrorismus ist und jede_r Terrorist_in sein kann – und sie daher Präventivkriege auf der ganzen Welt führen können – haben sie hier in Mexiko den inneren Feind „Drogenhandel“ erfunden. Die Frage ist auch, ob es überhaupt ein „Krieg gegen den Drogenhandel“ ist. Vor zwei oder drei Monaten wurde der frühere Vizechef des Militärs festgenommen und heute sitzt er wegen seiner Verbindungen zum Drogenhandel im Gefängnis. Daher fragt man sich: Kämpft der Staat wirklich gegen den Drogenhandel oder gibt es Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen, die sowohl im Drogenhandel, in den staatlichen Institutionen als auch in den wirtschaftlichen Eliten vertreten sind?

¡Alerta!: In eurem neuen Bericht dokumentiert und analysiert ihr die verschiedenen Methoden staatlicher Repression – darunter auch das sogenannte „Verschwindenlassen“. Was versteht ihr darunter?

Alejandro: Verschwindenlassen ist ein Verbrechen gegen die Menschlichheit und eine Missachtung der Menschenrechte. Es bedeutet, dass der Staat oder Privatpersonen im Auftrag des Staates eine Person entführen und über eine gewisse Zeit niemand anderes etwas über den Verbleib dieser Person weiß. Das kann andere Handlungen beinhalten – etwa Folter oder Mord. Was in Mexiko häufig vorkommt, ist das zeitlich begrenzte Verschwindenlassen: Menschen, die zum Beispiel sieben oder acht Monate verschwunden sind und dann plötzlich in einem Hochsicherheitsgefängnis wieder auftauchen. Es gibt aber immer noch Aktivist_innen, die schon seit vielen Jahren verschwunden sind, manche seit den 70ern, und von denen man bis heute nicht weiß, was mit ihnen passiert ist – ob sie umgebracht wurden, ob sie noch leben, ob sie irgendwo eingesperrt sind.

Antonio: Ein anderes Merkmal dieses Verbrechens ist, dass die Behörden ihre Verantwortung leugnen. Sie geben keine Informationen über sie heraus, sie bringen sie nicht vor Gericht – und das, obwohl viele von ihnen in staatlichen Gefängnissen oder bei Behörden eingesperrt sind. Die Täter_innen sind entweder Militärs, Polizist_innen oder es sind paramilitärische Gruppen. Leider gibt es in Mexiko keinen gesetzlich kodifizierten, speziellen Straftatbestand für das Verschwindenlassen. Daher ist es nicht möglich, mit juristischen Mitteln gegen diese Praxis vorzugehen. Die Fälle von Verschwindenlassen haben in Mexiko in der letzten Zeit zugenommen. Allein von Januar 2011 bis Mai 2012 haben wir 38 Fälle dokumentiert. Dieses Verbrechen richtet sich hauptsächlich gegen Aktivist_innen und Menschenrechtsverteidiger_innen aus ländlich geprägten Gegenden. In der Stadt kommt es fast nie vor, dafür aber besonders häufig im ländlichen Teil des Bundesstaates Guerrero oder im Bundesstaat Michoacán, dem Staat mit den meisten dokumentierten Fällen. Wir betonen das „dokumentiert“, denn es gibt viele Fälle, die nicht dokumentiert oder nicht gemeldet werden oder bei denen wir nicht nachweisen können, dass es eine direkte oder indirekte Beteiligung des Staates gegeben hat.

Alejandro: Außerdem sind die Fälle in unserem Bericht Fälle von Verschwindenlassen aus politischen Motiven – also von politischen oder sozialen Aktivist_innen. Insgesamt gibt es mehrere tausend Fälle von Verschwindenlassen in Mexiko.

¡Alerta!: Wie wirken sich die verschiedenen von euch untersuchten Formen der Repression auf die sozialen Bewegungen aus?

Antonio: Sehr stark! Diejenigen, die bei außergerichtlichen Hinrichtungen2 ermordet werden, sind oft zentrale Personen in den Organisationen. Das schwächt die Organisation und ihre Fähigkeit zu kämpfen. Das Verschwindenlassen zielt darauf, Panik und Schrecken zu erzeugen. Nicht nur Angst, sondern Panik. Angst lässt dich manchmal ja auch geschickter und entschlossener handeln. So aber wirst du handlungsunfähig und still. Die solidarische Verbundenheit zwischen Menschen wird zerstört. Verschwindenlassen zielt also darauf, zu verhindern, dass die Leute sich weiterhin organisieren. Inhaftierungen führen dazu, dass die Organisation einen großen Teil ihrer Zeit und ihrer Ressourcen darauf verwendet, die Gefangenen wieder frei zu bekommen. Dadurch haben sie weniger Zeit für ihre politische Arbeit und die Erreichung ihrer eigentlichen Ziele. Dazu kommen noch die psycho-sozialen Auswirkungen – etwa psychosomatische Krankheiten und die Folgen für die Familienangehörigen. Auch die Angehörige von Verschwundenen sind Opfer des Verbrechens, Folteropfer. Denn nicht zu wissen, wo deine Angehörigen sind und wie es ihnen geht, bedeutet einen permanenten Angriff auf dich.

¡Alerta!: Und wie sind Aktivist_innen und Menschenrechsverteidiger_innen vom angeblichen „Krieg gegen den Drogenhandel“ betroffen?

Alejandro: Der Staat versucht, die Repressionsopfer unter die Opferzahlen dieses „Krieges“ zu mischen. Die Regierung sagt: Es sind nicht wir, die die Aktivist_innen der sozialen Bewegungen und die Menschenrechtsverteidiger_innen töten, das ist das organisierte Verbrechen. Aber die 353 Angriffe auf Menschenrechtsverteidiger_innen, die wir zwischen Januar 2011 und Mai 2012 dokumentiert haben, wurden vom Staat begangen und eben nicht vom „organisierten Verbrechen“. Das Ganze ist auch eine Botschaft an die Bevölkerung: „Organisiert euch besser nicht, denn wenn ihr euch organisiert, wird das auch mit euch passieren.“ Dahinter steckt eine Strategie des Terrors, die ein Klima von Angst und Schrecken verbreitet. Sie schaffen momentan einen Terror-Staat. Sie erzeugen Angst und Schrecken um zu verhindern, dass die Menschen sich organisieren.

¡Alerta!: Auch deutsche Unternehmen und die deutsche Regierung spielen bei der Repression in Mexiko eine Rolle. Könnt ihr uns mehr dazu sagen?

Alejandro: Wir haben das bis jetzt noch nicht selber dokumentiert und uns mit diesem Aspekt auch noch nicht so lange beschäftigt, aber befreundete deutsche Organisationen haben sich intensiver mit den Waffenverkäufen von Heckler & Koch an den mexikanischen Staat beschäftigt und fordern diese zu stoppen. Deshalb wäre unser Wunsch, dass die Menschen in Deutschland ihre eigene Regierung stärker beobachten, um so etwas zu verhindern und dass sie Druck machen, damit den Waffenfirmen der Verkauf nach Mexiko verboten wird. Denn diese Waffen werden letztendlich zur politischen Repression genutzt, zur sozialen Kontrolle. Und aufgrund der hohen Korruption werden viele dieser Waffen an die organisierte Kriminalität verkauft oder an paramilitärische Gruppen weitergegeben, um die Bevölkerung zu unterdrücken. Außerdem gibt es ein Kooperationsabkommen zwischen der mexikanischen und der deutschen Polizei. Wir wissen, dass es im deutschen Parlament aktuell eine Kampagne gibt, um das zu verhindern. Das finden wir richtig, denn die mexikanische Polizei benutzt systematisch Folter. Wir glauben nicht, dass die mexikanische Polizei damit aufhört, wenn sie von deutschen Polizisten ausgebildet wird. Denn die mexikanische Polizei wurde schon von der US-amerikanischen, der israelischen, der kolumbianischen Polizei ausgebildet, die Folterungen nahmen nicht ab, sondern stiegen und wurden „besser“. Deshalb befürchten wir sehr, dass sie – anstatt ihnen beizubringen, dass sie die Menschenrechte respektieren sollen – ihnen beibringen wie sie noch raffinierter foltern können.

¡Alerta!: Wie sieht die aktuelle Arbeit des Comité aus?

Antonio: Zum einen dokumentieren wir Menschenrechtsverletzungen – also wir suchen und systematisieren Informationen über Menschenrechtsverletzungen in Mexiko. Daraus erstellen wir Statistiken und Berichte und dokumentieren damit die mexikanische Realität.
Außerdem ist die Bildung ein zentraler Aspekt unser Arbeit. Wir haben zwei Menschenrechts-Schulen, eine heißt „Por la Memoria, la Verdad, y la Justicia“ („Für die Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit“), in der wir Leute zu verschiedenen Themen der Menschenrechtsarbeit ausbilden. In der anderen, etwas kleineren Schule unterrichten wir pädagogische Methoden, damit die Leute selber Workshops geben oder entwickeln können. Später geben sie die Workshops in ihren Organisationen oder helfen uns, die Workshops für andere Organisationen zu geben.
Seit zwei Jahren unterstützt das Comité die Kampagne „Contra la Desaparición Forzada“ („Gegen die Praxis des Verschwindenlassens“). Wir haben mit der Kampagne einen Bericht mit Zahlen über die Verschwundenen in Mexiko erstellt. Wir machen regelmäßig Aktionen, organisieren Podiumsdiskussionen oder Veranstaltungen. So etwa am 30. August, dem internationalen Tag der politischen Gefangenen, wo wir unter anderem eine Demonstration gemacht haben. Außerdem beteiligen wir uns an der Juristischen Kommission der Bewegung „Yo soy 132“3. Denn auch diese Bewegung ist Ausdruck einer Organisierung eines Teiles unserer Gesellschaft, die wir mit unseren Methoden und Kenntnissen der Menschenrechtsarbeit unterstützen. Die Arbeit des Comité ist zurzeit sehr intensiv – leider! Denn das zeigt, dass die Probleme in Mexiko mehr werden.

¡Alerta!: Ihr habt auch ein Handbuch zum Thema des Verschwindenlassens herausgegeben, um Betroffene zu unterstützen. Könnt ihr uns mehr über das Handbuch und über eure weiteren Veröffentlichungen erzählen?

Alejandro: Uns ist aufgefallen, dass die meisten Leute nicht wissen, wie sie sich im Fall von Verschwindenlassen verhalten sollen, wenn sie oder ihre Angehörigen betroffen sind. Sie wissen nicht, wie sie dies zur Anzeigen bringen, an wen sie sich wenden können. Sie wissen nicht, was zu tun ist. Also haben wir ein kleines Handbuch mit dem Titel „¿Que Hacer en el Caso de Desaparición Forzada?“ („Was tun im Falle des Verschwindenlassens?“) geschrieben. Dort steht genau drin, wie Betroffene sich verhalten sollten, um zu ihren Rechten zu gelangen. Die erste Auflage waren 500 Exemplare. Dank solidarischer Unterstützung konnten wir eine zweite Auflage von 500 Exemplaren drucken. Beide Auflagen sind bereits vergriffen, es gab eine sehr hohe Nachfrage. Dieses Handbuch hilft in sehr vielen Teilen Mexikos. Wenn etwas passiert, hast du direkt etwas, in dem du konkrete Handlungsoptionen nachschlagen kannst. Dieses Handbuch muss immer wieder aktualisiert werden, denn auch die mexikanischen Gesetze ändern sich. Außerdem müssen wir über aktuellen Praktiken informieren, die die Täter_innen anwenden. [Wir sammeln Spenden für einen neuen Druck dieses Handbuches – helft auch ihr mit! – hier der Spendenaufruf.]

Neben diesem Handbuch haben wir am 29. August diesen Jahres einen Bericht über die Menschenrechtsverletzungen in Mexiko 2011 veröffentlicht. Er heißt: „Las Victimas del Proceso de Configuración de un Estado Terorista“ („Die Opfer des Prozesses einen terroristischen Staat zu errichten“). Den Bericht gibt es nur in elektronischer Form. Leider haben wir nicht die Mittel um ihn zu drucken. Aber es war uns wichtig, dass er wenigstens auf unserer Internetseite heruntergeladen werden kann, damit die Leute in Mexiko und auf der ganzen Welt eine andere Version mitbekommen von dem, was in Mexiko passiert.

¡Alerta!: Wie ist das Comité selber von Repressionen des Staates betroffen?

Antonio: Bevor wir den Bericht mit den ganzen Daten veröffentlicht haben, haben wir vom Comité Cerezo am 11. November 2011 eine weitere Morddrohung erhalten – die 13. Die Morddrohung richtete sich an alle Mitglieder des Comités, aber auch an unsere Familien, einschließlich eines zweijährigen Kindes, welches in der Drohung namentlich genannt wurde. Es gab immer wieder Phasen der ständigen Beschattung: Autos mit unbekannten Leuten an Orten, an denen wir unsere Veranstaltungen abhalten; Leute, die uns beim Verlassen von öffentlichen Veranstaltungen fotografieren oder filmen; Personen, die uns verfolgen. Oder es passiert, dass wir mit unseren Handys nicht mehr untereinander kommunizieren können. Wir dokumentieren diese Vorfälle. Wir schreiben alles systematisch auf und machen Anzeigen. Aber keiner dieser Anzeigen wurde bis jetzt so nachgegangen, dass die Verantwortlichen gefunden wurden – eher im Gegenteil, die Ermittlungsbehörden schließen die Akten, da angeblich Beweise fehlen. Es wird nicht weiter ermittelt und die Verantwortlichen bleiben straffrei. Das besorgt uns, denn dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie ein Mitglied des Comité angreifen oder uns schlimmer belästigen als „nur“ mit Drohungen und Beschattung. Der Einzigen, der ein Interesse daran hat, das uns etwas zustößt, ist der mexikanische Staat, denn er ist der einzige, dem unsere Arbeit schadet. Wir haben immer gesagt: Wenn uns etwas zustößt, trägt dafür der Staat die Verantwortung.

¡Alerta!: Wie können wir euch von hier aus unterstützen?

Alejandro: Wenn jemand von uns oder andere Menschrechtsverteidiger_innen eine Morddrohungen erhalten, veröffentlicht das Comité eine Eilaktion. Diese Eilaktionen könnt ihr unterzeichnen und uns dadurch unterstützen. Denn so zeigt ihr dem mexikanischen Staat, dass es Menschen in allen Teilen der Welt gibt, die sich um unsere Sicherheit sorgen und beobachten, was mit uns passiert4. Wichtig ist auch, dass es Leute gibt, die unsere Eilaktionen ins Deutsche übersetzen. So können wir noch viel mehr Leute erreichen. Generell ist es gut, wenn es Leute gibt die unsere Veröffentlichungen übersetzen können, denn so können wir noch mehr Leute erreichen. Außerdem planen wir eine dritte Ausgabe des Handbuchs „Was tun im Falle des Verschwindenlassens?“ drucken zu lassen. Dafür fehlt uns momentan noch das Geld und wir sind auf Spenden angewiesen. [Wir sammeln Spenden für einen neuen Druck dieses Handbuches – helft auch ihr mit! – hier der Spendenaufruf.]

¡Alerta!: Danke, Antonio und Alejandro!

Antonio: Wir möchten uns bei unseren Genoss_innen in Deutschland für die Unterstützung und Solidarität bedanken. Wir werden mit unser Arbeit weiter machen, denn leider nehmen die Menschenrechtsverletzungen in Mexiko weiter zu.

  1. In Mexiko beträgt die Amtszeit des Präsidenten sechs Jahre. Der 2006 trotz äußerst knappem Ergebnis und unter riesigen Protesten wegen Wahlbetrugs zum Präsidenten ernannte Felipe Calderón setzte anschließend stark auf das Militär, um seine Macht zu festigen. [zurück]
  2. Außergerichtliche Hinrichtung bedeutet, dass der Staat in irgendeiner Form an der Ermordung beteiligt war. [zurück]
  3. Große Studierendenbewegung, die sich während des Wahlkampfs 2012 gegründet hat, diesen kritisch begleitet hat und besonders die manipulative Rolle der Massenmedien angeprangert. [zurück]
  4. Wer diese Eilaktionen und andere Meldungen zu politischen Gruppen und Themen in Mexiko und ganz Lateinamerika erhalten will, kann sich in unseren Newsletter eintragen – schickt einfach eine Mail an alerta@linkes-zentrum.de. [zurück]

20. Dezember 2012 – Herz des Himmels – Herz der Erde (Doku)

Donnerstag, 20.12.2012, ab 19 Uhr Kneipe und VoKü, ab 20.30 Uhr Einführung und Film
Linkes Zentrum „Hinterhof“, Corneliusstr. 108, Düsseldorf

Der Kalender der Maya prophezeit, dass am 21. Dezember 2012 die Welt untergehen wird – so eines der wenigen Wissens-Fragmente zur Weltsicht der Indigenas Zentralamerikas, das es hierzulande in die öffentliche Wahrnehmung geschafft hat. Doch die apokalyptische Lust am Untergang ist eine westliche Projektion, die mehr über den Zustand der momentan weltweit dominanten Zivilisation aussagt als über die Weltsicht der Maya. Denn wer ist es, der die Welt untergehen lässt, wer mordet, raubt und plündert?


Viele Maya lesen ihren Kalender anders: Die Zeit ist für sie wie ein Kreis. Die Welt wird nicht untergehen, sagen sie, es wird ein neuer Anfang kommen – aber dafür muss man kämpfen. So, wie sie schon über 500 Jahre Widerstand gegen die westliche Invasion ihrer Gesellschaften leisten. In der Dokumentation kommen sechs junge, sehr verschiedene Maya aus Chiapas und Guatemala zu Wort. Sie erzählen über ihr Leben, ihre Weltsicht und ihren Widerstand gegen die Ausplünderung ihrer Erde. Ihre sanfte Entschlossenheit im Angesicht der Kräfte, denen sie sich entgegenstellen, beeindruckt.

Und sollte das Ende der Welt doch nah sein, können wir wenigstens vorher noch zusammen darauf anstoßen ;-)

Eine Veranstaltung von ¡Alerta! – Lateinamerika Gruppe Düsseldorf und Café Bunte Bilder