Archiv für April 2011

Kampf gegen die Hoffnungslosigkeit

Erschienen in: TERZ – autonome Stattzeitung für Politik und Kultur in Düsseldorf und Umgebung, Nr. 10/2011
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Guatemala, eines der ärmsten Länder Amerikas, leidet auch heute noch unter den weiterhin ungelösten Ursachen des Bürgerkriegs zwischen rechtsextremer Militärdiktatur und linker Guerilla. Ungerechte Landverteilung, Rassismus, extreme soziale und ökonomische Ungleichheit konnten nie überwunden werden. Die Verbrechen staatlicher Organe an der eigenen Bevölkerung, die in einem Völkermord gipfelten, wurden nie aufgearbeitet. Aber trotz andauerndem Klima von Gewalt und Unterdrückung lassen sich die Menschen nicht unterkriegen. Wir, die Gruppe ¡Alerta!, werden die Kämpfe und die Situation guatemaltekischer Aktivist_innen nun in einer Veranstaltungsreihe in Düsseldorf zum Thema machen.

Am 6. November wird in einer Stichwahl der nächste Präsident Guatemalas gewählt. Vermutlich heißt dieser Otto Pérez Molina. Dieser war in den 80er Jahren Militärkommandant in der Region Ixil und als solcher verantwortlich für die dort an der indigenen Bevölkerung verübten Massaker, bei denen viele tausend Menschen ermordet wurden. Zudem wird ihm vorgeworfen, als Chef der Geheimpolizei Folter und Mord angeordnet zu haben und einer der Strippenzieher des Mordes an Bischof Gerardi im Jahr 1998 gewesen zu sein. Gerardi hatte die Wahrheitskommission der katholischen Kirche zu den Verbrechen des Bürgerkriegs geleitet und zwei Tage vor seiner Ermordung deren Abschlussbericht vorgestellt: Die Armee hatte im Bürgerkrieg über 600 Massaker an indigenen Gemeinden verübt. Diesen Völkermord leugnet Pérez Molina bis heute, stattdessen bezeichnet er das Vorgehen der Armee eine notwendige militärische Strategie gegen die Guerilla.

Der Bürgerkrieg (1960-1996) war einer der grausamsten Amerikas. In den Zahlen der Wahrheitskommission heißt das: 200.000 Tote, 50.000 Verschwundene und mehr als anderthalb Millionen Flüchtlinge – bei 1981 nur etwa 6,5 Millionen Einwohner_innen. Die Opfer waren Ergebnis einer Aufstandsbekämpfungsstrategie nach US-amerikanischem Muster: Ziel war es „dem Fisch das Wasser zu entziehen,“ also der Guerilla die Unterstützung der Bevölkerung zu nehmen. Im Landesinneren bedeutete dies eine Kriegserklärung gegen die eigene (vor allem indigene) Bevölkerung. In den Städten wurden Gewerkschaftler_innen, kritische Intellektuelle, Stadtteilaktivist_innen und jede_r, die_der verdächtig erschien, gefoltert und ermordet.

Die Überlebenden der Politik der verbrannten Erde sind aber nicht bereit, die Täter ungestraft davon kommen zu lassen. Die jedoch haben nach Unterzeichnung der Friedensverträge ihre einflussreichen Positionen nicht verlassen müssen – im Gegensatz zur Guerilla, die ihre Waffen abgab. Bis heute versuchen die Täter von damals, eine Aufklärung der Vergangenheit zu verhindern.

Ein Beispiel ist der ehemalige Diktator Ríos Montt, der bis 2004 Kongresspräsident war und als Abgeordneter noch bis 2012 strafrechtliche Immunität genießt. Im Jahr 2000 und 2001 reichte die Vereinigung für Gerechtigkeit und Versöhnung (AJR) Klage gegen ihn und andere Mitglieder des militärischen Führungsstabs ein. Nachdem in den ersten zehn Jahren der Prozesse keine nennenswerten juristischen Fortschritte erkämpft werden konnten, ist mit der Ernennung der neuen Generalstaatsanwältin Claudia Paz y Paz Bewegung in die Völkermordprozesse gekommen. Das Drängen der indigenen Zeug_innen der AJR zeigt erste Erfolge. So wurde im Juni mit Héctor Mario López Fuentes nicht nur erstmals ein ehemaliger General verhaftet und muss sich nun wegen Völkermordes vor Gericht verantworten, auch ein ehemaliger Polizeichef sitzt in Haft und erst im August wurden vier ehemalige Mitglieder der Eliteeinheit Kaibiles wegen des Massakers in der Gemeinde Las Dos Erres zu 6060 Jahren Haft verurteilt.

Privatisierte Gewalt

Obwohl dies Hoffnung auf eine juristische und gesellschaftliche Aufarbeitung der gewalttätigen Vergangenheit und ein friedlicheres und gerechteres Zusammenleben weckt, sieht der Alltag vieler Guatemaltek_innen anders aus. Die Unterzeichnung der Friedensverträge 1996 führte keineswegs zu einem Ende der Gewalt. Vielmehr wurde auch die Gewalt mit der Welle neoliberaler Reformen privatisiert. Heute begehen Drogenkartelle und organisierte Auftragskiller – viele von ihnen ehemalige Soldaten – sowie die Jugendbanden „Maras“ den Großteil der Morde – täglich zwischen 17 und 20. Auch haben die Morde an Aktivist_innen und Journalist_innen sowie der Feminizid – der Mord an Frauen aufgrund ihres Geschlechts – seit Ende des Bürgerkrieges zugenommen.

Pérez Molina profiliert sich als autoritärer Hardliner, der in der Lage ist, das Gewaltproblem in den Griff zu bekommen: „Ich werde mit harter Hand regieren und das organisierte Verbrechen und jegliche Gewalt durch den Einsatz der Armee von der Wurzel her ausmerzen.“ Mit dieser „Politik der harten Hand“ gewinnt der Ex-General den Zuspruch von Teilen der verängstigten Bevölkerung. Dabei helfen ihm auch die fast ausschließlich rechte Presse, das Weiterbestehen alter Machtstrukturen und die Tatsache, dass emanzipatorische Parteien kaum Einfluss haben.

Kulturarbeit

Doch die Lösungsansätze des Hardliners sind weit davon entfernt die komplexen Zusammenhänge der Gewalt und ihrer Ursachen zu erkennen. Das Künstler_innenkollektiv Caja Lúdica (Spielbox) hat dagegen eine völlig andere Strategie. Die Aktivist_innen wollen Jugendlichen eine Perspektive jenseits von Maras und Migration vermitteln. Sie ziehen in einer bunten Parade in die Elendsviertel. Dabei tanzen sie in Kostümen, trommeln, jonglieren und feiern zusammen mit den meist jungen Menschen.

Ziel ist jedoch nicht, die Jugendlichen durch Unterhaltung vorübergehend vom brutalen Alltag abzulenken, sondern dass diese sich selbst gestaltend einbringen. Nach der Parade gibt es Workshops. Die jungen Menschen lernen gemeinsam sich künstlerisch auszudrücken und denken sich Theaterstücke aus. Diese werden dann in den Vierteln vor begeisterten Nachbar_innen oder auch mitten im Zentrum von Guatemala-Stadt aufgeführt. Fast immer thematisieren die Stücke Probleme junger Menschen oder die grausame Vergangenheit Guatemalas. Sie fordern: Niemand soll Jugendliche generell als Kriminelle abstempeln oder den Völkermord in aller Öffentlichkeit leugnen wie Pérez Molina. Stattdessen lernen die Jugendlichen, was sie selbst zu einem anderen Guatemala beitragen können.

Allerdings trifft die Arbeit der Künstler_innen nicht überall auf die gleiche Begeisterung wie bei den Jugendlichen. In den vergangenen zwei Jahren sind vier Mitglieder des Kollektivs ermordet worden. Eine Aufklärung der Taten ist sehr unwahrscheinlich, da in Guatemala fast keine Straftat aufgeklärt wird, schon gar nicht an Aktivist_innen. Trotz dieser Gefahren denken die jungen Menschen nicht ans Aufgeben. Sie fordern Gerechtigkeit für ihre ermordeten Mitstreiter_innen und besuchen weiter Elendsviertel und Gemeinden. Inzwischen sind über 700 junge Menschen Teil des Netzwerks, das Caja Lúdica im ganzen Land geschaffen hat und das weiter wächst.

Die Gewalt nimmt dennoch weiter zu. Und wirtschaftliche und politische Eliten haben trotz aller Rhetorik wenig Interesse daran, dies grundlegend zu ändern. Durch das Klima der Angst sollen es die Menschen vorziehen, die Umstände tatenlos zu ertragen statt ihr Schicksal gemeinsam in die eigenen Hände zu nehmen.

Auch die staatliche Gewalt eskaliert: War früher die angebliche Unterstützung der Guerilla ein Vorwand, indigene Gemeinden brutal räumen zu lassen, so ist dies heute die unterstellte Zusammenarbeit mit den Drogenkartellen. Meist stecken hinter den Räumungen wirtschaftliche Interessen. Oft sollen Megaprojekte z. B. für Tourismus, Bergbau oder Staudämme umgesetzt werden. Die betroffenen Gemeinden wehren sich gegen die Zerstörung und Enteignung ihres Landes, woraufhin der Staat versucht, die Interessen der Großkonzerne und Eliten mit Gewalt durchzusetzen.

Aber das Kalkül, die Bevölkerung durch Gewalt und ein Klima der Angst unter Kontrolle zu halten, geht nicht immer auf: Not und Ungerechtigkeit bringen die Menschen dazu, sich zu organisieren, um sich so der Unterdrückung zu widersetzen. Derzeit kämpfen Menschen etwa in über 300 Landbesetzungen gegen Großgrundbesitzer_innen und staatliche Räumungsdrohungen für ihr Recht auf Land und Freiheit.

Mit unserer Veranstaltungsreihe wollen wir uns dem Kampf dieser und vieler anderer Menschen widmen, die sich trotz der erdrückenden Lage nicht unterkriegen lassen und den ungleichen Kampf aufnehmen: Ehemalige Gueriller@s, Landbesetzer_innen, politische Aktivist_innen und Künstler_innen, Kaffeebäuer_innen einer Kooperative im solidarischen Handel sowie junge Menschen, die für die Aufarbeitung und Bestrafung der staatlichen Verbrechen kämpfen. Ihnen, ihrem Kampf und ihren Hoffnungen wollen wir mit dieser Veranstaltungsreihe Gehör verschaffen. Denn dass die Konflikte Guatemalas von den das Land regierenden Eliten offensichtlich nicht gelöst werden können, sehen immer mehr Menschen. So fordert die Hinterbliebenen-Organisation HIJOS schon in der ersten Wahlrunde für keinen der Kandidaten zu stimmen: „Unsere Träume passen nicht in ihre Urnen!“ Gleich wer Präsident wird, wirklicher Wandel kann nur von Unten kommen.

Valentin Franck und ¡Alerta! – Lateinamerika Gruppe Düsseldorf