Archiv für März 2011

Mit vereinten Kräften?

Fairer Handel und Zapatistas

Erschienen in: TERZ – autonome Stattzeitung für Politik und Kultur in Düsseldorf und Umgebung, Nr. 06/2011
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Am 5. Mai hatten „Pax Christi Solidarität Eine Welt“ und die „Initiative Fairer Handel“ im Düsseldorfer Norden zu einer Veranstaltung über den Kampf der zapatistischen Frauen in Chiapas/Mexiko ins Kaiserswerther Rathaus eingeladen.

Schon im Ankündigungstext wurde der Geschichte des Fairen Handels von Solidaritätsbewegten über Weltläden hin zu einem florierenden Fairtrade-gesiegelten Sortiment in Supermärkten ein breiter Raum eingeräumt. Was das mit den Zapatistas zu tun hat, die eine nicht-kapitalistische und basisdemokratische Gesellschaft aufbauen wollen, sollte – so die Erwartung – auf der Veranstaltung zu erfahren sein.

Im gut gefüllten Ratsaal berichtete die Vertreterin der Initiative Fairer Handel dann über die jüngsten Markterfolge von Fairtrade-Produkten. Sie bezog sich dabei auch auf von der GEPA aus Chiapas importierten Honig und Kaffee. Dabei wurden insbesondere die Gemeinsamkeiten mit den Zapatistas beim Einsatz für Kleinbäuer_innen hervorgehoben. So wurde in einem Atemzug mit der selbstorganisierten, kämpferischen zapatistischen Bewegung der wichtige GEPA-Handelspartner aus Chiapas, die Kaffeekooperative Union Majomut, erwähnt.

Auch die geladene Referentin, die von den Fortschritten der zapatistischen Autonomie berichtete und insbesondere auf den Kampf der zapatistischen Frauen und deren Erfolge einging, fand viele wohlwollende Worte über den Fairen Handel.

Soviel Eintracht bedarf jedoch dringend Richtigstellungen und kritischer Hinterfragung. Die zapatistischen Kaffeeproduzent_innen haben mit den Fairtrade-Kooperativen in Chiapas schlechte Erfahrungen gemacht. In den 90er Jahren saßen in der Führung einer bekannten Fairtrade-Kooperative Paramilitärs, die auch an der Vertreibung und Ermordung von Zapatistas beteiligt waren. Die erwähnte Kooperative Union Majomut mussten die zapatistischen Kleinbäuer_innen verlassen, als sich abzeichnete, dass sich die Kooperativenleitung auf die Seite der Mächtigen in Chiapas schlug. An einer Mitarbeit im Dachverband mexikanischer Fairtrade-Kooperativen hatten die zapatistischen Kooperativen dann kein Interesse mehr.

Stattdessen fanden sie neue Handelspartner in solidarischen Zusammenhängen, wie das Café Libertad Kollektiv (www.cafe-libertad.de). Dieses verzichtet bewusst auf das marktwirtschaftlich ausgerichtete Fairtrade-Siegel, da es dessen Preispolitik und Marktausdehnung in Supermärkten kritisiert. Weil es diese Praxis ablehnt, konnte das Hamburger Kollektiv den zapatistischen Kooperativen über viele Jahre hinweg einen wesentlich besseren Preis bieten als das Fairtrade-System. Außerdem hat Café Libertad eine ähnliche politische und gesellschaftlich-kritische Ausrichtung wie die Zapatistas. Auch sie betrachten sich als politisches Kollektiv, das versucht, wirtschaftliches und sozial-revolutionäres Handeln zu verbinden. Der solidarische Handel kann sich darüber hinaus seine Partner freier und nach politischen Kriterien aussuchen und deshalb auch Kaffee von Landbesetzer_innen kaufen. Etwas, das im Fairtrade-System nicht möglich ist.

Bei aller Anerkennung für den Versuch, bessere Preise und Lebensbedingungen für die Produzent_innen zu erzielen, gibt es an diesem System auch aus unserer Sicht einiges zu kritisieren. Zum einen sind die finanziellen und bürokratischen Einstiegshürden inzwischen so hoch geworden, dass viele kleinbäuerliche Organisationen daran scheitern. Des Weiteren nimmt das ausgeklügelte Fairtrade-Kontrollsystem die Kapazitäten kleinbäuerlicher Organisationen oft über Gebühr in Beschlag, z.B. wenn jeden Monat ein neuer Überprüfungsbesuch vor der Tür steht. Auch gibt es Tendenzen, wegen steigender Nachfrage die Kriterien zugunsten mittelständischer Landwirt_innen oder sogar Großplantagen aufzuweichen – wie es bei anderen Produkten außer Kaffee bereits möglich ist. Zu Recht befürchten kleinbäuerliche Kooperativen, dabei ins Hintertreffen zu geraten. Dazu kommt, dass schwer durchschaubare Mitbestimmungsmöglichkeiten den Einfluss der Produzent_innen im Fairtrade-System begrenzen. Unverständlich bleibt auch, dass sich mittlerweile Handelsketten wie LIDL, die skandalöse Dumpinglöhnen zahlen und Mitbestimmungsrechte der Beschäftigten aushebeln, mit Fairtrade-Produkten im Sortiment schmücken.

Leider wurde auf all diese Widersprüche in der Veranstaltung nur in kritischen Nachfragen hingewiesen.

Offenbar hat der Faire Handel seit letztem Jahr erhebliche Probleme mit dem Kaffeenachschub aus Chiapas. Wird deshalb versucht, die Zapatistas zu vereinnahmen? Oder waren den Veranstalter_innen die vorhandenen Widersprüche nicht klar?

Trotz fehlender Differenzierungen zeigen die Besucher_innen am Ende der Veranstaltung ein bewusstes Kaufverhalten: Es wurde ausschließlich solidarisch gehandelter Kaffee der Zapatistas erworben, der Fair-Trade-Kaffee anderer Kooperativen aus Mexiko blieb liegen.

¡ALERTA! – DIE DÜSSELDORFER LATEINAMERIKA GRUPPE

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Der sehr leckere, solidarisch gehandelte zapatistische Kaffee des Café Libertad Kollektivs wird in Düsseldorf im Buchladen BibaBuZe (Aachener Straße 1; am Bilker S-Bahnhof) verkauft.