Gelebter Widerstand – selbstbestimmt, bewundernswert und bedroht

Als Menschenrechtsbeobachter in Chiapas / Mexiko

Erschienen im Plastic Bomb Nr. 73 – Dezember 2011
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Anfang 2010 war ich fast 6 Monate als Menschenrechtsbeobachter im mexikanischen Bundesstaat Chiapas tätig. Dort hat sich am 1. Januar 1994 die linke, vor allem von Kleinbäuer_innen getragene Guerilla EZLN („Zapatistische Armee der nationalen Befreiung“) erhoben. Diese hatte sich in den Jahren zuvor Stück für Stück aus den Bewohner_innen zahlreicher Dörfern gebildet. Die Zapatistas, wie sich die Mitglieder dieser widerständigen Gemeinden nennen, wollten sich mit ihrem Aufstand gegen ihre Unterdrückung und Ausbeutung als Indigenas – also als Nachfahren der Ureinwohner – widersetzen und nicht mehr ohne Gegenwehr an Hunger oder heilbaren Krankheiten sterben. Vorher hatten die politischen und wirtschaftlichen Eliten die friedlichen Versuche der Menschen, ihre Lage zu verändern, jahrzehntelang ignoriert oder niedergeschlagen. Jetzt horchte die Welt auf und hörte den Zapatistas zu.

Seither konnte die zapatistische Bewegung durch undogmatische Ideen und basisdemokratische Selbstverwaltung einige wichtige Verbesserungen für sich erreichen. Und das obwohl die mexikanische Regierung und große Konzerne mit Hilfe von Armee, Paramilitärs und viel Geld in Chiapas einen sogenannten „Krieg niederer Intensität“ gegen sie führen. Gegen diese tagtägliche Bedrohung haben einige der Gemeinden den Schutz internationaler Menschenrechtsbeobachter_innen erbeten. Diese sollen durch ihre Anwesenheit und die Beobachtung der Situation die Sicherheit und den Handlungsspielraum der bedrohten Bevölkerung vergrößern. Denn in Dörfern, in denen Beobachter_innen aktiv sind, kam es bisher zu keinen größeren Übergriffen.

Durch meine Arbeit als Menschenrechtsbeobachter in verschiedenen Gemeinden habe ich nicht nur einiges über die aktuelle Situation in Chiapas erfahren, sondern auch das alltägliche Leben und den Kampf der Menschen dort kennengelernt. Im folgenden Artikel berichte ich daher, was ich erlebt habe, wie die aktuelle Situation ist und was meine Aufgaben waren. Am Ende erkläre ich, wie man selbst Menschenrechtsbeobachter_in werden oder die Zapatistas von hier aus unterstützen kann.

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Acteal – Ein typisches Dorf im Hochland, eine schlimme Geschichte, ein Kampf

Nie werde ich den Geruch des offenen Holzfeuers, der schwarzen Bohnen und Tortillas vergessen. Wir, fünf Menschenrechtsbeobachter_innen aus Deutschland, Honduras und Argentinien, sitzen um das Feuer in einer verrauchten Holzhütte, der Gemeinschaftsküche von Acteal, einem kleinen Dorf im Hochland von Chiapas, und trinken Kaffee. Maria [alle Namen aus Sicherheitsgründen geändert], eine junge Indigena, sitzt bei uns und backt über dem Feuer Tortillas. Ab und zu rührt sie in dem riesigen, dampfenden Kochtopf mit den Bohnen und setzt zwischendurch Kaffee auf, während sie sich gleichzeitig um ihre beiden kleinen Kinder kümmert. Bei alledem lacht sie viel, redet mit uns, auch wenn sie kaum Spanisch spricht, da ihre Muttersprache die Maya-Sprache Tzotzil ist. Wie so viele Menschen hier strahlt sie für mich eine wunderbar selbstsichere Ruhe und Kraft aus.

1997 verübten Paramilitärs in Acteal ein Massaker und töteten 45 Menschen, die gerade einen Gottesdienst besuchten – die Mehrheit von ihnen Frauen und Kinder. Seitdem sind in Acteal internationale Beobachter_innen, die die Menschen vor weiteren Angriffen schützen sollen und die Lage beobachten. Gegenüber von unserem Camp steht eine kleine Hütte, die heute als Gedenkstätte genutzt wird. An den Wänden hängen neben Kinderzeichnungen, die friedliche Dorfszenen und große Männer mit Waffen zeigen, kleine Holzkreuze mit Namen und Alter der Ermordeten – „Lucia Mendez Capote, 13 años“, „Ignacio Pukuj Luna, 67 años“… In dieser Hütte hat damals das Massaker begonnen.

Die Leute in Acteal (über-)leben von dem, was sie ihren steil am Hang liegenden Feldern abgewinnen können: Mais, schwarze Bohnen, Chili und Kaffee. Oft sehe ich sie nachmittags ihre Ernte oder ein Bündel Holz den Weg hoch zu ihren kleinen Holzhäusern schleppen. In diesen Wochen trocknen viele Familien Kaffeebohnen in der Sonne. Später werden sie in der eigenen Kaffeekooperative weiter verarbeitet. Viele der Frauen und Mädchen stehen ab 5 Uhr morgens in der Küche, mahlen Mais, machen Tortillas und Bohnen. Die Menschen hier sind arm. Aber sie sind vor allem sehr freundlich, unverstellt und mutig. Trotz des Massenmordes an ihren Angehörigen haben sie ihren Widerstand nicht aufgegeben.

Die Gemeinde gehört zur indigenen Organisation „Las Abejas“ („Die Bienen“). Diese hat sich 1994 mit dem Aufstand der Zapatistas solidarisch erklärt. Denn sie verfolgen ähnliche Ziele: Ein Ende der Unterdrückung der Indigenas, Selbstbestimmung für die Gemeinden, bessere Gesundheitsversorgung und Bildung, eine Neuverteilung des Landes sowie mehr Demokratie und Freiheit. Allerdings tun sie dies auf rein pazifistischem Wege. Daneben kämpfen sie heute auch für die Erinnerung an das schreckliche Ereignis und für die Bestrafung der Täter. „Was uns passiert ist, muss für uns Ansporn sein, weiterzukämpfen und allen Menschen davon zu erzählen. Das schulden wir unseren Toten“, sagt uns Lorenzo, der für ein Jahr gewählte Präsident der Abejas.

Er erzählt uns auch von der Selbstverwaltung der Abejas. Sie nehmen keine Gelder oder andere „Hilfen“ von der Regierung an, weisen Vertreter von Regierungsinstitutionen und Parteien ab. Stattdessen organisieren und helfen sie sich selbst. Auch hierin gleichen sie den Zapatistas. Denn die Mitglieder beider Organisationen wissen ganz genau, dass die Regierung ihnen nicht helfen will, sondern andere Interessen verfolgt. Sie will sie abhängig machen, ihnen allerhöchstens ihre Lage ein wenig erträglicher machen, um sie ruhig zu stellen. Lieber wollen sie ihre Entwicklung in die eigene Hand nehmen und nicht länger von einer Regierung abhängig sein, die sie bevormundet, ausgebeutet und im Stich gelassen hat.

„Das Land dem, der es bearbeitet!“ – Landknappheit und Landbesetzung

Obwohl in Chiapas eigentlich ein großer Reichtum existiert, sind viele Menschen unterernährt, das Bildungssystem und die Gesundheitsversorgung sind schlecht. In vielen Dörfern gibt es weder Strom noch fließendes Wasser. Denn der Reichtum ist besonders ungerecht verteilt. Während wenige sehr reiche Familien und große Firmen den Bundesstaat ausplündern und die Gewinne in die eigene Tasche stecken, bleibt den armen Bauern und Bäuerinnen kaum genug, um zu überleben. Auch dies war ein Grund für den Aufstand der Zapatistas. Damals besetzten sie Ländereien von Großgrundbesitzer_innen und verteilten den Boden an tausende arme Bäuer_innen und Landlose. Diesen wurde damit die Möglichkeit gegeben, die Ernährung und damit das Überleben ihrer Familien selbstständig und in Würde zu sichern.

Auf dem anderthalbstündigen Fußweg zur Gemeinde Cruztón am Rande des Hochlandes kommen wir an einem wackeligen Schild vorbei: “Wiedergewonnenes Land der Gemeinde Cruztón.” Wir gehen also durch das Land, das die Gemeindebewohner_innen besetzt haben. Die Maisernte ist gerade in ihren letzten Zügen, auf den Feldern stehen die vertrocknenden Strünke, am Rande der Felder die Säcke mit den geernteten Maiskolben. Eine Gruppe Männer ruht sich in der Mittagshitze unter einem großen Baum aus, grüßt uns. „Die Regierung und die Reichen nennen uns Kriminelle, dabei haben die Großfarmer das Land von unseren Vorfahren gestohlen, wir gewinnen es jetzt nur wieder zurück“, kommentiert einer unserer Begleiter aus dem Dorf.

Viele der Besetzer_innen arbeiteten früher für einen Hungerlohn und unter harten Bedingungen für die Großgrundbesitzer. Einmal erzählt uns einer der älteren Männer von dieser Zeit – eine „harte Geschichte“ wie er selbst sagt: Sie mussten von morgens früh bis abends spät unter den Augen brutaler Aufseher in der Sonne schuften. Für 6 Tage Feldarbeit pro Woche bekamen sie 30 Pesos. Ein Kilo Fleisch kostete 10 Pesos, 5 Eier einen Peso. Weder Schulbildung gab es, noch Gesundheitsversorgung. Er hat später in der Abendschule lesen und schreiben gelernt. Eine typische Geschichte.

Bis heute müssen viele der Bauern und Bäuerinnen in Chiapas mit unzureichendem Land auskommen. Dagegen besitzen reiche Großgrundbesitzer_innen riesige Ländereien, auf denen sich diese Bäuer_innen als rechtlose Tagelöhner verdingen müssen, um zu überleben. Andere leben ganz ohne eigenes Land in sklavenähnlicher Schuldknechtschaft auf den Großfarmen.

Gegen diese Ausbeutungen setzen die Zapatistas die Forderung „Das Land dem, der es bearbeitet!“ Das war 1910 schon eine Hauptforderung von Emiliano Zapata, dem mexikanischen Revolutionshelden, auf den sich die Zapatistas in ihrem Namen und ihrer Politik berufen. Ein anderer Leitspruch Zapatas und auch der heutigen Zapatistas lautet „Land und Freiheit!“ – und neben dem Land holten sich die Zapatistas mit ihrem Aufstand auch ihre Freiheit zurück. Denn mit ihrer Erhebung eroberten sie sich den Freiraum, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, sich selbst Stück für Stück eine andere, bessere Welt aufzubauen.

„Eine andere Welt ist möglich!“ – Die Selbstverwaltung der Zapatistas

An den Eingängen vieler zapatistischer Gemeinden steht ein Schild mit der Aufschrift „Sie befinden sich in aufständischem zapatistischem Gebiet. Hier befiehlt die Bevölkerung und die Regierung gehorcht.“ Die Zapatistas haben sich eine politische Selbstverwaltungstruktur aufgebaut. Sie organisieren sich auf allen Ebenen basisdemokratisch: Jede Gemeinde entscheidet in Vollversammlung alle Belange der Gemeinde im Konsens. Die gewählten, unbezahlten Amtsträger_innen können jederzeit abberufen werden, sollten sie die Beschlüsse ihrer Basis nicht umsetzen oder deren Erwartungen nicht gerecht werden. Außerdem wechseln sich die Delegierten ständig ab. So lernen möglichst viele, wie es geht, und es entsteht keine korrupte Polit-Elite.

Wie gut dieser Lernprozess funktioniert, sieht man am Fortschritt, den ein Teil der zapatistischen Frauen in kurzer Zeit gemacht hat. Durch Traditionen und die mexikanische Macho-Kultur waren sie früher von politischer und gesellschaftlicher Beteiligung ausgeschlossen. Die Zapatistas begannen das durch ihre „Revolutionären Frauengesetze“ von 1993 zu verändern. Diese Gesetze gaben den Frauen die gleichen Rechte und die gleiche Mitsprache wie den Männern. Meine Erfahrung, 17 Jahre später, war, dass in vielen zapatistischen Räten Frauen gleich oder mehrheitlich vertreten waren. Und was noch wichtiger ist: Sie traten selbstbewusst auf, ergriffen das Wort und korrigierten ihre männlichen Kollegen.

Neben den politischen Strukturen haben die Zapatistas auch in vielen anderen Bereichen autonome Strukturen aufgebaut: Etwa ihr eigenes Schulsystem. In einer Gemeinde bauten die Bewohner_innen gerade an einem neuen Schulgebäude. Sie erzählen uns, dass sie früher keine Möglichkeit hatten, lesen und schreiben zu lernen. „Dafür sind wir in den Widerstand gegangen und haben die Revolution gemacht“, erzählt uns eine Frau, „damit es unsere Kindern besser haben.“

Außerdem gibt es ein eigenes Gesundheitssystem. Es gibt in jedem Dorf Gesundheitsstationen und in einigen Orten autonome Kliniken. Die Behandlung ist kostenlos und steht auch Nicht-Zapatistas offen. Auch in der Strom- und Wasserversorgung helfen sich die Zapatistas gegen die leeren Versprechungen der Regierung selbst. „Autonome Elektriker“ zapfen die Stromleitungen der überteuerten Stromversorger an. Immer mehr Gemeinden werden mit einer eigenen Wasserversorgung ausgestattet. Daneben haben die Zapatistas auch ihr eigenes Rechtssystem und autonome Radiostationen aufgebaut. Um auch ökonomisch unabhängig zu sein, sind in vielen Gemeinden Kooperativen entstanden. (Schicke Stiefel und leckeren Kaffee von zapatistischen Kooperativen könnt ihr in Deutschland bei www.cafe-libertad.de bestellen).

Für all das legen sich die Zapatistas kräftig ins Zeug. Alle sind sie arme Selbstversorgungsbauern und -bäuerinnen. Trotzdem leisten sie neben dem Kampf ums Überleben ihrer Familien noch wöchentliche Gemeinschaftsdienste, werden Delegierte ihres Dorfes, unterstützen ihre Kinder dabei, Lehrerin oder Gesundheitsbeauftragter zu werden. Sicher herrschen in den zapatistischen Gemeinden keine paradiesischen Zustände und oftmals funktionieren die eigenen Strukturen in der Praxis nicht so gut wie beabsichtigt. Aber die Menschen bauen sich im alltäglichen Leben Stück für Stück und „von Unten“ eine Gesellschaft auf, die auf Gleichberechtigung, Würde, Freiheit und Solidarität basiert. Sie leben nach ihren selbst gewählten Normen und haben die Kontrolle über ihre eigene Entwicklung übernommen. So zeigen sie, dass eine andere Welt möglich ist.

Morden, Lügen, Einschüchtern – Die Strategie des „Krieges niederer Intensität“

Bis heute sind die Zapatistas und andere widerständige Bewegungen jedoch von Einschüchterung, Menschenrechtsverletzungen und Gewalt durch Polizei, Militär und paramilitärische Gruppen bedroht – die Strategie des sogenannten „Krieges niederer Intensität“. Dies ist ein Konzept zur Aufstandsbekämpfung, das die US-Armee entwickelt hat und seit Jahrzehnten an befreundete Diktaturen und repressive „Demokratien“ weitergibt.

Dazu gehört unter anderem eine massive Präsenz der Armee, die die Menschen einschüchtern, kontrollieren und schikanieren soll. In Chiapas sehe ich immer wieder Kasernen, Militärkontrollen und Patrouillen. Dazu kommen die verschiedenen, fast militärisch ausgerüsteten Polizeieinheiten. Nach einiger Zeit scheinen mir Uniformierte mit MGs fast normal. In die Gemeinde Laguna Verde werden wir geschickt, weil die Armee auf der angrenzenden Ranch einige Tage zuvor ein Lager aufgeschlagen hatte. Circa hundert Soldaten patrouillierten nachts in der Umgebung. Als wir ankommen, sind sie glücklicherweise schon wieder abgezogen. Auf der nahen Hauptstraße fahren jedoch viele schwerbewaffnete Polizeitransporter.

Die Menschen in Laguna Verde hat dieser Einschüchterungsversuch auch deshalb erschreckt, weil sie noch einige Monate zuvor starker Repression ausgesetzt waren. Damals verhaftete die Polizei die Vorsitzenden der Organisation, in der sich die Dörfer der Umgebung zusammengeschlossen haben. Die Kleinbäuerinnen und -bauern hier sind keine Zapatistas sondern haben sich organisiert, um gemeinsam Land zu besetzen. Viel weitergehende Forderungen als genügend Land um zu überleben haben sie gar nicht. Trotzdem wurde ihre Bewegung kriminalisiert: Man warf ihnen Drogen- und Menschenhandel, Waffenbesitz sowie Mitgliedschaft in einem terroristischen Netzwerk vor. Keiner der Vorwürfe konnte anschließend erhärtet werden. Auch das sind Aspekte des „Krieges niederer Intensität“: Das Verbreiten von Lügen über soziale Bewegungen in der Presse und die illegale Verhaftung von Aktivist_innen, oft verbunden mit deren Folter durch die Polizei, um falsche Geständnisse zu erzwingen.

Während seine Kinder um ihn herumtoben erzählt uns ein junger Mann im Rollstuhl, dass er damals der Polizei hinterher gefahren sei, als sie kam und seine Mitstreiter verhaftete. Nicht weit vom Dorf rammte ein Polizei-Jeep absichtlich sein Auto von der Straße. Dabei starben sein jüngerer Bruder und sein Freund. Er und ein weiterer Mann wurden schwer verletzt. Seitdem ist er querschnittsgelähmt. Er sagt, er habe es trotzdem keine Sekunde bereut zu kämpfen – und dass er hoffe, eines Tages wieder laufen zu können.

Wie er reagierte die gesamte Organisation kämpferisch auf den Angriff. Sie haben einen Kontrollposten an der Eingangsstraße aufgebaut. Gleichzeitig bezogen die Männer trotz Kälte und Regen ein Protestcamp in San Cristóbal, der fernen Großstadt im Hochland. Sie besetzten anschließend – um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen – friedlich das UN-Büro in der Stadt. Die Frauen bewachten währenddessen das Dorf, vertrieben die Armee, die es durchsuchen wollte. Und nach 2 Monaten kräftezehrendem Protest ließ die Regierung endlich die unschuldig Festgenommenen wieder frei.

Insgesamt zielt die Strategie des „Krieges niederer Intensität“ darauf ab, ein Klima der Angst zu schaffen, so dass die Menschen ihren Widerstand aufgeben oder sich ihm gar nicht erst anschließen. Daneben schaffen und schüren die Behörden gezielt Konflikte zwischen der Bevölkerung. Dazu nutzen sie die Landknappheit in Chiapas aus: Sie vergeben Land, das bereits Zapatistas gehört, an andere arme Bauern und Bäuerinnen. So hetzen sie die arme Bevölkerung gegeneinander auf.

Gleichzeitig fördern Regierung und Armee die Entstehung paramilitärischer Gruppen, die ebenfalls Teil des „Krieges niederer Intensität“ sind. Sie sollen für das Militär und die Machthaber die schmutzigen Jobs übernehmen. Diese behaupten dann anschließend, nichts mit den Paramilitärs zu tun zu haben. Aber am wohl brutalsten Beispiel für diesen Krieg, dem anfangs erwähnten Massaker von Acteal, kann man diese Verbindungen deutlich sehen: Die Täter benutzten Waffen, die nur das mexikanische Militär kaufen kann. Die in der Nähe befindlichen Polizei- und Militäreinheiten griffen nicht ein und wollen von dem stundenlangen Massaker nichts mitbekommen haben. Allerdings wurde beobachtet, dass sie sich noch vorher mit den Tätern getroffen hatten.

Auch diese systematische Straflosigkeit für Täter_innen, die im Interesse oder mit Billigung der Mächtigen handeln, gehört zum „Krieg niederer Intensität“. Das Massaker von Acteal rief allerdings starken internationalen Protest hervor und daher wurden einige der Täter verurteilt. 2009 wurden aber viele von ihnen wieder auf freien Fuß gesetzt – wie es offiziell hieß wegen „Verfahrensfehlern“. Die Leute von Acteal erzählen uns, dass sie bereits einige der Täter wieder auf der Straße oberhalb des Dorfes gesehen haben.

Sicherheit geben und etwas Neues und Bewundernswertes kennen lernen – die Arbeit als Menschenrechtsbeobachter_in

Gegen diese Strategie, die Menschen durch gezielte Angriffe und eine ständige Drohkulisse zu schikanieren und einzuschüchtern, soll das Prinzip der Menschenrechtsbeobachtung ein wenig Abhilfe schaffen. Durch unsere Anwesenheit werden Angriffe wesentlich erschwert und die Menschen gewinnen wieder mehr Sicherheit. Indem wir den Handlungsspielraum der Aggressoren verkleinern, vergrößern wir den der widerständigen und bedrohten Bevölkerung.

Je nach Gemeinde sind die Aufgaben während der jeweils zweiwöchigen Einsätze unterschiedlich. Manchmal reicht die einfache Anwesenheit im speziell für uns eingerichteten Camp, manchmal sitzt man mit den Dorfbewohner_innen an Wachposten oder begleitet sie auf ihren Gängen außerhalb der Gemeinde. An der Wache reden wir viel mit den Menschen, spielen Karten mit ihnen, erfahren so viel über ihr Leben und ihren Kampf. An unseren Camps kommen immer wieder Kinder vorbei, sind neugierig und wollen spielen. Auch die Erwachsenen schauen ab und zu vorbei, grüßen uns, bringen Obst oder Tortillas und plaudern ein bisschen.

Von ihnen lerne ich auch, wie man Mais mahlt und Tortillas macht, wie sie aussäen und ernten. Ein paar Mal laden sie uns zu einem Kaffee zu sich nach Hause ein. So auch Antonio und Marciela, ein altes Ehepaar, das uns stolz den Kaffee aus eigenem Anbau einschenkt. Sie lachen viel, erzählen vom fiesen Großgrundbesitzer, vom Aufstand, der Landbesetzung und dem Angriff der Polizei. Zwischendurch kommt eine junge Frau mit ihrem kranken Sohn und fragt Antonio um Rat. Der alte Mann ist eine angesehene Institution im Dorf. Von uns will er ein bisschen Deutsch lernen. Zuerst will er wissen, was „Arsch“ auf Deutsch heißt. Als kurz danach mein Stuhl nachgibt und ich umfalle, lacht er laut und ruft „Caíste a tu Arsch“ – „Du bist auf deinen Arsch gefallen“. Die Menschen hier gefallen mir sehr. Sie sind freundlich, unverstellt und besitzen Klarsicht und Mut – was Vielen in Deutschland fehlt.

Als Beobachter_in erlebt man sehr viel, lernt außergewöhnliche Menschen kennen und lebt ein ganz anderes Leben, als man es gewohnt ist. Natürlich ist alles sehr einfach. Das Essen ist monoton. Wir schlafen in Hängematten oder auf dem Boden. Fließendes Wasser gibt es meist nicht. Das müssen wir von einem Hahn, der irgendwo im Dorf steht, oder von einer Wasserstelle außerhalb des Dorfes in Eimern holen. Bevor wir es trinken können muss es desinfiziert werden. Dadurch bekommt man ein völlig anderes Gefühl für Wasser und seinen Verbrauch.

Geld, Geld, Geld – Aufstandsbekämpfung, Wirtschaftsinteressen und der Widerstand dagegen

In Nueva Esperanza angekommen, werden wir von dem regionalen zapatistischen Rat empfangen. Die Männer und Frauen erzählen uns, dass die Gemeinde gespalten ist. 1994 hatten noch alle gemeinsam das riesige Anwesen der Rinderfarm besetzt, auf dem die Gemeinde jetzt steht. Zusammen haben sie den Großgrundbesitzer vertrieben und sein Land unter den Familien aufgeteilt. Aber im Jahr 2000 trat ein Teil der circa 80 Familien aus der zapatistischen Organisation aus und einer regierungstreuen Organisation bei. Seither gab es immer wieder Konflikte zwischen den beiden Gruppen, teilweise auch Zusammenstöße mit Verletzten.

Auch dies ist eine Strategie der Regierung. Durch Geldversprechen versucht sie, Menschen aus dem Widerstand herauszulocken und anschließend die Bewohner_innen gegeneinander auszuspielen und aufzuhetzen. Bei der Armut der Menschen hier ist es auch schwer, diesen Verlockungen nicht zu erliegen. Viele Dörfer, die auf Regierungsseite stehen erscheinen auf den ersten Blick weniger arm. Aber sie überleben meist nur aufgrund von Regierungsprogrammen, die Teil der Aufstandsbekämpfung sind. Diese halten die Menschen in Abhängigkeit und ändern an den bestehenden, ungerechten Strukturen nichts. Oft verstärken sie diese nur.

Es ist viel Geld im Spiel und es sind vor allem Wirtschaftsinteressen, die den Konflikt in Chiapas immer weiter schüren. Chiapas besitzt viele Ressourcen, die große Konzerne ausplündern wollen. Es gibt Vorhaben auf dem fruchtbaren Boden, der jetzt noch die Bevölkerung ernährt, riesige Ölpalmen-Plantagen entstehen zu lassen, um sogenannten „Bio-Sprit“ herzustellen. Außerdem haben Regierung und Investoren Pläne, den Bundesstaat zu einer Touristenhochburg zu machen. All das geht auf Kosten der Bevölkerung.

Das sieht man in der zapatistischen Gemeinde Bolón Ajaw, in der ich ebenfalls als Beobachter eingesetzt war. In der tief im Dschungel liegenden Gemeinde ist es unendlich heiß und schwül, Abkühlung verspricht nur der türkisblaue Fluss, der sich nahe der Gemeinde durch den Urwald schlängelt. Die Zapatistas waren einige Monate zuvor Ziel eines paramilitärischen Angriffes. Bewaffnete Männer aus dem regierungstreuen Nachbardorf hatten versucht, das Gebiet an den Wasserfällen von Bolón Ajaw zu besetzen. Sie konnten zwar wieder vertrieben werden, aber dabei gab es einen Toten und mehrere Verletzte.

Hintergrund dieses Angriffes auf die Gemeinde ist es, dass sich in der direkten Umgebung der beiden Dörfer die bei Tourist_innen beliebten Wasserfälle von Agua Azul befinden. Jetzt planen die Behörden und Privatunternehmen den Ausbau der touristischen Infrastruktur in der Gegend. An den touristisch noch unerschlossenen Wasserfällen von Bolón Ajaw will man ein Luxushotel mit Helikopterlandeplatz entstehen lassen.

In der Gemeinde selbst gibt es weder Strom noch fließend Wasser, die Familien wohnen in kleinen Holzhütten. Die Idee, in ihre Nachbarschaft ein Luxushotel hinzusetzen, wirkt irgendwie irreal. Aber als wir das erste Mal zu den Wasserfällen gehen, wird mir klar, warum die Reichen und Mächtigen die Menschen hier nicht in Ruhe lassen können: Vier große, tosende Wasserfälle, der türkisblaue Fluss, um uns herum nichts als Regenwald. Es ist einfach atemberaubend schön. Eine solche Schönheit müssen sie einfach zu Geld machen, auch auf Kosten der Menschen hier.

Aber die wehren sich. Nachdem sie ihr Land wieder zurückerobert hatten, begannen die Zapatistas, selbst einen touristischen Komplex zu bauen. Natürlich kein Luxushotel, aber wenn alles gut gehe, werde hier in circa 2 Jahren ein zapatistisches Hotel und ein Restaurant stehen, erklärt man mir. Doch die Gemeinde ist akut bedroht: Mehrmals überfliegen Helikopter die Wasserfälle und das Dorf. Einmal so tief, dass wir sehen können, wie wir gefilmt werden. Ein anderes Mal hören einige Bewohner_innen Schüsse in der Nähe der Gemeinde. Auch wir haben Sorge, dass die Paramilitärs vielleicht wieder angreifen wollen. Glücklicherweise bleibt es ruhig. Trotzdem ist überall die Angst und Anspannung der Menschen zu spüren. Dass sie weiterhin nicht aufgeben, sondern ihren Widerstand in Form ihrer Autonomie weiter ausbauen, ist sehr beeindruckend.

Als sich bei unserem Abschied viele von ihnen bei uns bedanken, macht mich das verlegen. Eigentlich bin ich es, der sich bedanken muss: Danke, dass ihr kämpft, dass ihr euch nicht verkauft, dass ihr nicht aufgebt, dass ihr dieses Beispiel setzt, auch mir Mut macht. Danke für die schöne Zeit hier. Nach meinem halben Jahr in Chiapas scheint mir der Satz greifbarer geworden zu sein, der in einem der vielen zapatistischen Wandgemälde steht: „Sie können alle Blumen abschneiden, aber sie werden niemals den Frühling abschaffen.“

Selbst Aktiv werden!

Vielleicht hat der eine oder die andere jetzt Lust bekommen, selbst einmal als Menschenrechtsbeobachter_in in Chiapas zu arbeiten. Das ist gar nicht so schwer: Als Vorbereitung auf den Einsatz bietet der Verein CAREA e. V. zweimal im Jahr sehr gute Vorbereitungsseminare an und stellt anschließend ein Empfehlungsschreiben an das Menschenrechtszentrum FrayBa aus, das die Einsätze koordiniert. (Mehr Infos unter www.carea-menschenrechte.de).

Aber auch für die, die einen solchen Einsatz gerade nicht machen können, gibt es viele Möglichkeiten, die Zapatistas von hier aus zu unterstützen: So gibt es etwa die Mailingliste von www.chiapas98.de. Über diese werden nicht nur aktuelle Nachrichten und Hintergrundberichte zur Situation in Chiapas und Mexiko verschickt, sondern immer wieder gibt es auch Ankündigungen von Veranstaltungen, Solidaritätsaktionen und E-Mail-Protesten. Für diese Liste anmelden kann man sich mit einer Mail an pcl@jpberlin.de.

Eine andere gute Möglichkeit, sich solidarisch mit den Zapatistas und anderen kämpfenden Menschen in Chiapas zu zeigen, ist, Andere für das Thema zu interessieren. Dazu kann man seinen Freund_innen davon erzählen, Vorträge oder Filmveranstaltungen zu Chiapas organisieren, einen Soli-Party machen usw.

Außerdem kann man, wie oben bereits erwähnt, auch in Deutschland Produkte aus zapatistischen Kollektiven erwerben. Bei www.cafe-libertad.de kann man diese per Internet bestellen. Den zapatistischen Kaffee gibt es in viele deutschen Städten auch direkt zu kaufen – wo, das verrät diese Liste: www.cafe-libertad.de/shop/infos/bezugsquellen. Eine weitere Idee ist die Mitarbeit im Ya-Basta-Netz, einem Netzwerk von Gruppen und Einzelpersonen, die mit den Zapatistas solidarisch sind, aber auch in Deutschland gegen Ausbeutung und Unterdrückung aktiv sind. Ihre Homepage findet man unter www.ya-basta-netz.de.vu – hierüber lassen sich auch lokale Gruppen ausfindig machen.

Eine der wichtigsten Möglichkeiten, sich mit den Zapatistas solidarisch zu zeigen, ist wohl der Kampf gegen die bestehenden Verhältnisse in der eigenen Gesellschaft. So sehen es auch die Zapatistas, wenn sie uns auffordern den „Kampf im Herzen der Bestie“, also im Zentrum der globalen kapitalistischen Ausbeutung, zu führen, nicht nur um ihretwillen, sondern auch für uns selbst. Für so ein Engagement gibt es unendlich viele Möglichkeiten und es gibt viele linke Gruppen und Initiativen in eurer Stadt oder Region, denen man sich anschließen kann. Dabei kann man von den Zapatistas lernen: Etwa wie wichtig es ist, sich hier zu organisieren, sein eigenes Leben mit Anderen zusammen als Widerstand zu leben, gerade wenn man schwach ist, eine andere Gesellschaft bereits heute im Kleinen aufzubauen, das Unrecht und die Ausbeutung nicht mehr mitzumachen – wie die Zapatistas zu sagen: „Ya Basta!“ – „Es reicht!“

Weitere Infos über die Zapatistas gibt es auf der Seite von www.chiapas98.de und in der halbjährlich erscheinenden Zeitschrift „Tierra y Libertad“, deren ältere Ausgaben auch zum Download im Netz stehen (www.tierra-y-libertad.de). Einen guten Überblick über die Geschichte und Gegenwart des zapatistischen Aufstands liefert außerdem das Buch „La Lucha sigue – Der Kampf geht weiter. Ursachen und Entwicklungen des zapatistischen Aufstands“ von Luz Kerkeling. Das neu erschienene Buch „Das Recht glücklich zu sein. Der Kampf der zapatistischen Frauen in Chiapas/Mexiko“ (inklusive DVD) von Nikola Siller und Dorit Siemers gibt einen tollen Eindruck über die Realität und die Fortschritte der zapatistischen Frauen. Wer lieber eine spannende Doku schaut, ist mit dem Film „Der Aufstand der Würde“ gut beraten. Die Bücher, die Doku und weitere spannende Medien zu den Zapatistas und darüber hinaus kann man unter anderem bei www.zwischenzeit-muenster.de oder bei www.cafe-libertad.de bestellen.

Martin

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