Der bedrohte „Aufstand der Würde“

14 Jahre nach ihrem bewundernswerten Aufstand droht den Zapatistas neue Gefahr

erschienen in: TERZ – autonome Stattzeitung für Politik und Kultur in Düsseldorf und Umgebung, Nr. 05/2008
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Am 15. Mai zeigt Cafe Bunte Bilder im Linken Zentrum den Film „Aufstand der Würde“, eine neue Doku über die zapatistische Bewegung, ihre Rebellion und alltäglichen Kampf im mexikanischen Bundesstaat Chiapas. Anlass genug, einen Blick auf die Hintergründe und die aktuelle Lage in Chiapas zu werfen, die sich in den letzten Monaten immer weiter zugespitzt hat.

Jahrzehntelang hatten die Zapatistas vergeblich versucht mit Demonstrationen, Petitionen und dem Aufbau von sozialen Organisationen friedlich auf ihre miserable Situation als indigene Bevölkerung aufmerksam zu machen. Daraufhin erhob sich die „Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung“ (EZLN) am 1. Januar 1994, dem Tag des Inkrafttretens des nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA, und besetzte mehrere Städte sowie Ländereien von Großgrundbesitzern.

Angetreten für indigene Autonomie, eine radikale Demokratisierung, Frauenrechte und eine Abkehr von der neoliberalen Wirtschaftspolitik, begannen sie anschließend diese Forderungen in den von ihnen eroberten Gebieten mit zivilen Mitteln umzusetzen und ein alternatives, solidarisches Gesellschaftsmodell zu etablieren. Dafür verteilten sie den Boden neu, bauten eine basisdemokratische Selbstverwaltung auf. Sie errichteten solidarischen Strukturen in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Landwirtschaft und kollektive Arbeit und stärkten die Rechte und gesellschaftliche Beteiligung von Frauen.

„Es ist nicht notwendig die Welt zu erobern. Es reicht, sie neu zu schaffen.“

Als konsequent basisorientierte Bewegung und anders als viele frühere Emanzipations- und Befreiungsbewegungen, geht es den Zapatistas in ihrem Kampf dabei nicht darum, mit Gewalt die Macht im Staat zu erobern. Stattdessen versuchen sie, möglichst gewaltvermeidend, undogmatisch und von Unten eine andere Gesellschaft aufzubauen. Oder, wie es ihr Sprecher und militärische Anführer, Subcomandante Marcos, auf den Punkt bringt: „Es ist nicht notwendig die Welt zu erobern. Es reicht, sie neu zu schaffen. Durch uns. Heute.“

Die Zapatistas stellten dabei ihre Rebellion von Beginn an in den nationalen sowie globalen Kontext des gemeinsam mit anderen Bewegungen geführten Kampfes gegen neoliberale Globalisierung und für eine gerechtere Gesellschaft. Ihre Parole „Eine andere Welt ist möglich!“ ist mittlerweile zum Motto der gesamten globalisierungskritischen Bewegung geworden.
Auf nationaler Ebene startete die EZLN im Sommer 2005 „Die Anderen Kampagne“: In einer gemeinsamen jahrelangen Mobilisierung sollen verschiedenste Organisationen „von unten und für unten“ ein außerparlamentarisches Linksbündnis aufbauen, um eine neue „wirklich linke und antikapitalistische Alternative“ zu schaffen. Bisher haben sich dieser Bewegung bereits über 1.000 Organisationen angeschlossen – neben ArbeiterInnen- und BäuerInnenorganisationen auch Frauengruppen, indigene Organisationen, Umweltgruppen sowie Medien- und Kunstkollektive.

Staatliche Repression

Die mexikanische – und internationale – Zivilgesellschaft war es auch, deren hunderttausendfachen Solidaritätsbekundungen verhinderten, dass 1994 Regierung und Armee die Zapatistas mitsamt ihrer indigenen Basis militärisch vernichteten. Stattdessen kam es zu einem Waffenstillstand und 1996 zum Abkommen von San Andres über indigene Selbstverwaltung.
Trotzdem untergraben lokale MachthaberInnen und mexikanische Regierung bis heute die Erfolge der zapatistischen Bewegung mit Desinformationskampagnen, Repression und (para-)militärischer Gewalt. Zu dieser Strategie des „Krieges niederer Intensität“ – von den USA entwickelt und seit Jahrzehnten an lateinamerikanische Militärs vermittelt – gehören auch die immer wieder vorkommenden blutigen Überfälle durch regierungsnahe Paramilitärs. Diese werden in den Konflikt getrieben, indem die Regierung die akute Landknappheit in Chiapas ausnutzt. Staatliche Stellen vergeben Landtitel für Land, das bereits den Zapatistas gehört, und schaffen es so, indigene Gruppen gegeneinander auszuspielen. Der so erzeugte Konflikt zwischen verschiedenen indigenen Gruppen ermöglicht es dem Militär dann, als vermeintlich „neutrale“ Kraft für „Ruhe und Ordnung“ zu sorgen.

Besorgniserregend ist, dass seit einigen Monaten die ohnehin schon hohe Militarisierung der Region weiter zunimmt und die Repressionen und Übergriffe gegen Zapatistas und ihre Gemeinden sich häufen. Als Konsequenz hat Subcomandante Marcos im Dezember angekündigt, bis auf Weiteres werde sich die Kommandantur der EZLN aus der Öffentlichkeit und in den Urwald zurückziehen, um sich auf eine immer wahrscheinlicher werden militärische Auseinandersetzung vorzubereiten. Bisher jedoch hat die zapatistische Selbstverwaltung beschlossen, sich nicht durch die zunehmenden Aggressionen provozieren zu lassen, da eine militärische Reaktion genau der Vorwand wäre, den die mexikanische Armee braucht, um eingreifen zu können.

Wirtschaftliche Interessen

Hinter der sich verstärkenden Gewalt gegen die Zapatistas stehen aber nicht nur politische, sondern auch starke wirtschaftliche Interessen. Denn die Zapatistas und viele andere soziale Bewegungen wenden sich seit Jahren gegen aufoktroyierte neoliberale „Entwicklungsprojekte“ wie den Plan Puebla Panama (PPP). Der PPP ist ein Mega-Projekt zur umfassenden ökonomischen Neugestaltung von ganz Mittelamerika – einer Region, die aus Perspektive des Kapitals noch immer nicht ausreichend an den Markt angekoppelt ist, und durch den Plan anschlussfähig und somit ausbeutbar gemacht werden soll. Doch die Elemente des Projektes wie Staudämme, Infrastrukturmaßnahmen, Billiglohnfabriken, der Ausbau von Monokulturen und die Ausbeutung von Ressourcen, versprechen zwar transnationalen Unternehmen hohe Gewinne, schadet aber Bevölkerung und Umwelt.
Bei den Maßnahmen zur Umsetzung des PPP sind insbesondere die Menschen im Weg, die in tausenden Dörfern auf dem Land leben. Sie werden vertrieben, ihre Gemeinden zerstört. Gleichzeitig wird versucht, das Leben in den ländlichen Regionen grundsätzlich umzustrukturieren. Die Landbevölkerung wird in die Städte gelockt, Gemeindeboden wird privatisiert und Staat und Industrie bemühen sich, den KleinbäuerInnen die Abhängigkeit von der Agro-Industrie a la Monsanto und Bayer schmackhaft zu machen. Auch wir geprüft, ob die Produktion des umstrittenen Palmöldiesels rentabel ist. Ein großflächiger Anbau der Ölpalme würde zu weiteren Monokulturen und einer erneuten Ausbreitung der Lohnsklaverei, sowie massiven Umweltschäden führen. Dörfliche Sozialstrukturen würden weiter zerstört.

Zusätzlich dazu kommt der von Umweltgruppen kritisierte „Naturschutz ohne Menschen“. Also gemeinsame Anstrengungen von Staat und Industrie, die angestammte Bevölkerung im Namen des „Umweltschutzes“ aus den noch intakten Regenwaldgebieten und anderen Ökosystemen zu vertreiben, um anschließend die dortigen Wasservorkommen, Bodenschätze und die Biodiversität ökonomisch ausbeuten zu können.

Und noch von anderer Seite droht Gefahr: Es existieren Pläne, Chiapas in ein neues touristisches Mekka und ein öko-archäologisches Musterprojekt zu verwandeln. Doch was für potentielle Investoren und Urlauber „Ökotourismus“ und „Partizipation der Bevölkerung“ genannt wird, bedeutet für die Bevölkerung vor Ort Vertreibung, Landenteignung oder aber die Wahl zwischen Verelendung und der Verdingung als billige Lohnarbeiter. Im Zusammenhang mit diesen Plänen ist wohl auch die jüngste Zunahme von Repressionen und Übergriffe im Umfeld der berühmten Wasserfälle von Agua Azul zu sehen.

Verstärkte internationale Aufmerksamkeit und Solidarität gefragt

Insgesamt ergibt sich also ein ambivalentes Bild: Einerseits scheint die zapatistische Bewegung stärker und – über die Grenzen von Chiapas hinaus – aktiver geworden zu sein. 14 Jahre nach ihrem Aufstand haben sie gezeigt, dass emanzipatorischer Widerstand und eine andere, solidarische Gesellschaft möglich sind. Andererseits ist ihr Projekt zunehmend durch staatliche Gewalt und wirtschaftliche Interessen bedroht.

Daher ist es jetzt wichtig, dass die internationale Öffentlichkeit wieder verstärkt die Augen auf die Entwicklung in Chiapas richten und der mexikanischen Regierung deutlich macht, dass sie politische Kosten zu fürchten hätte, würde sie verstärkt gegen die Zapatistas vorgehen.

Luz Kerkeling (Chiapas) und Martin Mäusezahl