Archiv für Februar 2011

Gelebter Widerstand – selbstbestimmt, bewundernswert und bedroht

Als Menschenrechtsbeobachter in Chiapas / Mexiko

Erschienen im Plastic Bomb Nr. 73 – Dezember 2011
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Anfang 2010 war ich fast 6 Monate als Menschenrechtsbeobachter im mexikanischen Bundesstaat Chiapas tätig. Dort hat sich am 1. Januar 1994 die linke, vor allem von Kleinbäuer_innen getragene Guerilla EZLN („Zapatistische Armee der nationalen Befreiung“) erhoben. Diese hatte sich in den Jahren zuvor Stück für Stück aus den Bewohner_innen zahlreicher Dörfern gebildet. Die Zapatistas, wie sich die Mitglieder dieser widerständigen Gemeinden nennen, wollten sich mit ihrem Aufstand gegen ihre Unterdrückung und Ausbeutung als Indigenas – also als Nachfahren der Ureinwohner – widersetzen und nicht mehr ohne Gegenwehr an Hunger oder heilbaren Krankheiten sterben. Vorher hatten die politischen und wirtschaftlichen Eliten die friedlichen Versuche der Menschen, ihre Lage zu verändern, jahrzehntelang ignoriert oder niedergeschlagen. Jetzt horchte die Welt auf und hörte den Zapatistas zu.

Seither konnte die zapatistische Bewegung durch undogmatische Ideen und basisdemokratische Selbstverwaltung einige wichtige Verbesserungen für sich erreichen. Und das obwohl die mexikanische Regierung und große Konzerne mit Hilfe von Armee, Paramilitärs und viel Geld in Chiapas einen sogenannten „Krieg niederer Intensität“ gegen sie führen. Gegen diese tagtägliche Bedrohung haben einige der Gemeinden den Schutz internationaler Menschenrechtsbeobachter_innen erbeten. Diese sollen durch ihre Anwesenheit und die Beobachtung der Situation die Sicherheit und den Handlungsspielraum der bedrohten Bevölkerung vergrößern. Denn in Dörfern, in denen Beobachter_innen aktiv sind, kam es bisher zu keinen größeren Übergriffen.

Durch meine Arbeit als Menschenrechtsbeobachter in verschiedenen Gemeinden habe ich nicht nur einiges über die aktuelle Situation in Chiapas erfahren, sondern auch das alltägliche Leben und den Kampf der Menschen dort kennengelernt. Im folgenden Artikel berichte ich daher, was ich erlebt habe, wie die aktuelle Situation ist und was meine Aufgaben waren. Am Ende erkläre ich, wie man selbst Menschenrechtsbeobachter_in werden oder die Zapatistas von hier aus unterstützen kann.

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Acteal – Ein typisches Dorf im Hochland, eine schlimme Geschichte, ein Kampf

Nie werde ich den Geruch des offenen Holzfeuers, der schwarzen Bohnen und Tortillas vergessen. Wir, fünf Menschenrechtsbeobachter_innen aus Deutschland, Honduras und Argentinien, sitzen um das Feuer in einer verrauchten Holzhütte, der Gemeinschaftsküche von Acteal, einem kleinen Dorf im Hochland von Chiapas, und trinken Kaffee. Maria [alle Namen aus Sicherheitsgründen geändert], eine junge Indigena, sitzt bei uns und backt über dem Feuer Tortillas. Ab und zu rührt sie in dem riesigen, dampfenden Kochtopf mit den Bohnen und setzt zwischendurch Kaffee auf, während sie sich gleichzeitig um ihre beiden kleinen Kinder kümmert. Bei alledem lacht sie viel, redet mit uns, auch wenn sie kaum Spanisch spricht, da ihre Muttersprache die Maya-Sprache Tzotzil ist. Wie so viele Menschen hier strahlt sie für mich eine wunderbar selbstsichere Ruhe und Kraft aus.

1997 verübten Paramilitärs in Acteal ein Massaker und töteten 45 Menschen, die gerade einen Gottesdienst besuchten – die Mehrheit von ihnen Frauen und Kinder. Seitdem sind in Acteal internationale Beobachter_innen, die die Menschen vor weiteren Angriffen schützen sollen und die Lage beobachten. Gegenüber von unserem Camp steht eine kleine Hütte, die heute als Gedenkstätte genutzt wird. An den Wänden hängen neben Kinderzeichnungen, die friedliche Dorfszenen und große Männer mit Waffen zeigen, kleine Holzkreuze mit Namen und Alter der Ermordeten – „Lucia Mendez Capote, 13 años“, „Ignacio Pukuj Luna, 67 años“… In dieser Hütte hat damals das Massaker begonnen.

Die Leute in Acteal (über-)leben von dem, was sie ihren steil am Hang liegenden Feldern abgewinnen können: Mais, schwarze Bohnen, Chili und Kaffee. Oft sehe ich sie nachmittags ihre Ernte oder ein Bündel Holz den Weg hoch zu ihren kleinen Holzhäusern schleppen. In diesen Wochen trocknen viele Familien Kaffeebohnen in der Sonne. Später werden sie in der eigenen Kaffeekooperative weiter verarbeitet. Viele der Frauen und Mädchen stehen ab 5 Uhr morgens in der Küche, mahlen Mais, machen Tortillas und Bohnen. Die Menschen hier sind arm. Aber sie sind vor allem sehr freundlich, unverstellt und mutig. Trotz des Massenmordes an ihren Angehörigen haben sie ihren Widerstand nicht aufgegeben.

Die Gemeinde gehört zur indigenen Organisation „Las Abejas“ („Die Bienen“). Diese hat sich 1994 mit dem Aufstand der Zapatistas solidarisch erklärt. Denn sie verfolgen ähnliche Ziele: Ein Ende der Unterdrückung der Indigenas, Selbstbestimmung für die Gemeinden, bessere Gesundheitsversorgung und Bildung, eine Neuverteilung des Landes sowie mehr Demokratie und Freiheit. Allerdings tun sie dies auf rein pazifistischem Wege. Daneben kämpfen sie heute auch für die Erinnerung an das schreckliche Ereignis und für die Bestrafung der Täter. „Was uns passiert ist, muss für uns Ansporn sein, weiterzukämpfen und allen Menschen davon zu erzählen. Das schulden wir unseren Toten“, sagt uns Lorenzo, der für ein Jahr gewählte Präsident der Abejas.

Er erzählt uns auch von der Selbstverwaltung der Abejas. Sie nehmen keine Gelder oder andere „Hilfen“ von der Regierung an, weisen Vertreter von Regierungsinstitutionen und Parteien ab. Stattdessen organisieren und helfen sie sich selbst. Auch hierin gleichen sie den Zapatistas. Denn die Mitglieder beider Organisationen wissen ganz genau, dass die Regierung ihnen nicht helfen will, sondern andere Interessen verfolgt. Sie will sie abhängig machen, ihnen allerhöchstens ihre Lage ein wenig erträglicher machen, um sie ruhig zu stellen. Lieber wollen sie ihre Entwicklung in die eigene Hand nehmen und nicht länger von einer Regierung abhängig sein, die sie bevormundet, ausgebeutet und im Stich gelassen hat.

„Das Land dem, der es bearbeitet!“ – Landknappheit und Landbesetzung

Obwohl in Chiapas eigentlich ein großer Reichtum existiert, sind viele Menschen unterernährt, das Bildungssystem und die Gesundheitsversorgung sind schlecht. In vielen Dörfern gibt es weder Strom noch fließendes Wasser. Denn der Reichtum ist besonders ungerecht verteilt. Während wenige sehr reiche Familien und große Firmen den Bundesstaat ausplündern und die Gewinne in die eigene Tasche stecken, bleibt den armen Bauern und Bäuerinnen kaum genug, um zu überleben. Auch dies war ein Grund für den Aufstand der Zapatistas. Damals besetzten sie Ländereien von Großgrundbesitzer_innen und verteilten den Boden an tausende arme Bäuer_innen und Landlose. Diesen wurde damit die Möglichkeit gegeben, die Ernährung und damit das Überleben ihrer Familien selbstständig und in Würde zu sichern.

Auf dem anderthalbstündigen Fußweg zur Gemeinde Cruztón am Rande des Hochlandes kommen wir an einem wackeligen Schild vorbei: “Wiedergewonnenes Land der Gemeinde Cruztón.” Wir gehen also durch das Land, das die Gemeindebewohner_innen besetzt haben. Die Maisernte ist gerade in ihren letzten Zügen, auf den Feldern stehen die vertrocknenden Strünke, am Rande der Felder die Säcke mit den geernteten Maiskolben. Eine Gruppe Männer ruht sich in der Mittagshitze unter einem großen Baum aus, grüßt uns. „Die Regierung und die Reichen nennen uns Kriminelle, dabei haben die Großfarmer das Land von unseren Vorfahren gestohlen, wir gewinnen es jetzt nur wieder zurück“, kommentiert einer unserer Begleiter aus dem Dorf.

Viele der Besetzer_innen arbeiteten früher für einen Hungerlohn und unter harten Bedingungen für die Großgrundbesitzer. Einmal erzählt uns einer der älteren Männer von dieser Zeit – eine „harte Geschichte“ wie er selbst sagt: Sie mussten von morgens früh bis abends spät unter den Augen brutaler Aufseher in der Sonne schuften. Für 6 Tage Feldarbeit pro Woche bekamen sie 30 Pesos. Ein Kilo Fleisch kostete 10 Pesos, 5 Eier einen Peso. Weder Schulbildung gab es, noch Gesundheitsversorgung. Er hat später in der Abendschule lesen und schreiben gelernt. Eine typische Geschichte.

Bis heute müssen viele der Bauern und Bäuerinnen in Chiapas mit unzureichendem Land auskommen. Dagegen besitzen reiche Großgrundbesitzer_innen riesige Ländereien, auf denen sich diese Bäuer_innen als rechtlose Tagelöhner verdingen müssen, um zu überleben. Andere leben ganz ohne eigenes Land in sklavenähnlicher Schuldknechtschaft auf den Großfarmen.

Gegen diese Ausbeutungen setzen die Zapatistas die Forderung „Das Land dem, der es bearbeitet!“ Das war 1910 schon eine Hauptforderung von Emiliano Zapata, dem mexikanischen Revolutionshelden, auf den sich die Zapatistas in ihrem Namen und ihrer Politik berufen. Ein anderer Leitspruch Zapatas und auch der heutigen Zapatistas lautet „Land und Freiheit!“ – und neben dem Land holten sich die Zapatistas mit ihrem Aufstand auch ihre Freiheit zurück. Denn mit ihrer Erhebung eroberten sie sich den Freiraum, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, sich selbst Stück für Stück eine andere, bessere Welt aufzubauen.

„Eine andere Welt ist möglich!“ – Die Selbstverwaltung der Zapatistas

An den Eingängen vieler zapatistischer Gemeinden steht ein Schild mit der Aufschrift „Sie befinden sich in aufständischem zapatistischem Gebiet. Hier befiehlt die Bevölkerung und die Regierung gehorcht.“ Die Zapatistas haben sich eine politische Selbstverwaltungstruktur aufgebaut. Sie organisieren sich auf allen Ebenen basisdemokratisch: Jede Gemeinde entscheidet in Vollversammlung alle Belange der Gemeinde im Konsens. Die gewählten, unbezahlten Amtsträger_innen können jederzeit abberufen werden, sollten sie die Beschlüsse ihrer Basis nicht umsetzen oder deren Erwartungen nicht gerecht werden. Außerdem wechseln sich die Delegierten ständig ab. So lernen möglichst viele, wie es geht, und es entsteht keine korrupte Polit-Elite.

Wie gut dieser Lernprozess funktioniert, sieht man am Fortschritt, den ein Teil der zapatistischen Frauen in kurzer Zeit gemacht hat. Durch Traditionen und die mexikanische Macho-Kultur waren sie früher von politischer und gesellschaftlicher Beteiligung ausgeschlossen. Die Zapatistas begannen das durch ihre „Revolutionären Frauengesetze“ von 1993 zu verändern. Diese Gesetze gaben den Frauen die gleichen Rechte und die gleiche Mitsprache wie den Männern. Meine Erfahrung, 17 Jahre später, war, dass in vielen zapatistischen Räten Frauen gleich oder mehrheitlich vertreten waren. Und was noch wichtiger ist: Sie traten selbstbewusst auf, ergriffen das Wort und korrigierten ihre männlichen Kollegen.

Neben den politischen Strukturen haben die Zapatistas auch in vielen anderen Bereichen autonome Strukturen aufgebaut: Etwa ihr eigenes Schulsystem. In einer Gemeinde bauten die Bewohner_innen gerade an einem neuen Schulgebäude. Sie erzählen uns, dass sie früher keine Möglichkeit hatten, lesen und schreiben zu lernen. „Dafür sind wir in den Widerstand gegangen und haben die Revolution gemacht“, erzählt uns eine Frau, „damit es unsere Kindern besser haben.“

Außerdem gibt es ein eigenes Gesundheitssystem. Es gibt in jedem Dorf Gesundheitsstationen und in einigen Orten autonome Kliniken. Die Behandlung ist kostenlos und steht auch Nicht-Zapatistas offen. Auch in der Strom- und Wasserversorgung helfen sich die Zapatistas gegen die leeren Versprechungen der Regierung selbst. „Autonome Elektriker“ zapfen die Stromleitungen der überteuerten Stromversorger an. Immer mehr Gemeinden werden mit einer eigenen Wasserversorgung ausgestattet. Daneben haben die Zapatistas auch ihr eigenes Rechtssystem und autonome Radiostationen aufgebaut. Um auch ökonomisch unabhängig zu sein, sind in vielen Gemeinden Kooperativen entstanden. (Schicke Stiefel und leckeren Kaffee von zapatistischen Kooperativen könnt ihr in Deutschland bei www.cafe-libertad.de bestellen).

Für all das legen sich die Zapatistas kräftig ins Zeug. Alle sind sie arme Selbstversorgungsbauern und -bäuerinnen. Trotzdem leisten sie neben dem Kampf ums Überleben ihrer Familien noch wöchentliche Gemeinschaftsdienste, werden Delegierte ihres Dorfes, unterstützen ihre Kinder dabei, Lehrerin oder Gesundheitsbeauftragter zu werden. Sicher herrschen in den zapatistischen Gemeinden keine paradiesischen Zustände und oftmals funktionieren die eigenen Strukturen in der Praxis nicht so gut wie beabsichtigt. Aber die Menschen bauen sich im alltäglichen Leben Stück für Stück und „von Unten“ eine Gesellschaft auf, die auf Gleichberechtigung, Würde, Freiheit und Solidarität basiert. Sie leben nach ihren selbst gewählten Normen und haben die Kontrolle über ihre eigene Entwicklung übernommen. So zeigen sie, dass eine andere Welt möglich ist.

Morden, Lügen, Einschüchtern – Die Strategie des „Krieges niederer Intensität“

Bis heute sind die Zapatistas und andere widerständige Bewegungen jedoch von Einschüchterung, Menschenrechtsverletzungen und Gewalt durch Polizei, Militär und paramilitärische Gruppen bedroht – die Strategie des sogenannten „Krieges niederer Intensität“. Dies ist ein Konzept zur Aufstandsbekämpfung, das die US-Armee entwickelt hat und seit Jahrzehnten an befreundete Diktaturen und repressive „Demokratien“ weitergibt.

Dazu gehört unter anderem eine massive Präsenz der Armee, die die Menschen einschüchtern, kontrollieren und schikanieren soll. In Chiapas sehe ich immer wieder Kasernen, Militärkontrollen und Patrouillen. Dazu kommen die verschiedenen, fast militärisch ausgerüsteten Polizeieinheiten. Nach einiger Zeit scheinen mir Uniformierte mit MGs fast normal. In die Gemeinde Laguna Verde werden wir geschickt, weil die Armee auf der angrenzenden Ranch einige Tage zuvor ein Lager aufgeschlagen hatte. Circa hundert Soldaten patrouillierten nachts in der Umgebung. Als wir ankommen, sind sie glücklicherweise schon wieder abgezogen. Auf der nahen Hauptstraße fahren jedoch viele schwerbewaffnete Polizeitransporter.

Die Menschen in Laguna Verde hat dieser Einschüchterungsversuch auch deshalb erschreckt, weil sie noch einige Monate zuvor starker Repression ausgesetzt waren. Damals verhaftete die Polizei die Vorsitzenden der Organisation, in der sich die Dörfer der Umgebung zusammengeschlossen haben. Die Kleinbäuerinnen und -bauern hier sind keine Zapatistas sondern haben sich organisiert, um gemeinsam Land zu besetzen. Viel weitergehende Forderungen als genügend Land um zu überleben haben sie gar nicht. Trotzdem wurde ihre Bewegung kriminalisiert: Man warf ihnen Drogen- und Menschenhandel, Waffenbesitz sowie Mitgliedschaft in einem terroristischen Netzwerk vor. Keiner der Vorwürfe konnte anschließend erhärtet werden. Auch das sind Aspekte des „Krieges niederer Intensität“: Das Verbreiten von Lügen über soziale Bewegungen in der Presse und die illegale Verhaftung von Aktivist_innen, oft verbunden mit deren Folter durch die Polizei, um falsche Geständnisse zu erzwingen.

Während seine Kinder um ihn herumtoben erzählt uns ein junger Mann im Rollstuhl, dass er damals der Polizei hinterher gefahren sei, als sie kam und seine Mitstreiter verhaftete. Nicht weit vom Dorf rammte ein Polizei-Jeep absichtlich sein Auto von der Straße. Dabei starben sein jüngerer Bruder und sein Freund. Er und ein weiterer Mann wurden schwer verletzt. Seitdem ist er querschnittsgelähmt. Er sagt, er habe es trotzdem keine Sekunde bereut zu kämpfen – und dass er hoffe, eines Tages wieder laufen zu können.

Wie er reagierte die gesamte Organisation kämpferisch auf den Angriff. Sie haben einen Kontrollposten an der Eingangsstraße aufgebaut. Gleichzeitig bezogen die Männer trotz Kälte und Regen ein Protestcamp in San Cristóbal, der fernen Großstadt im Hochland. Sie besetzten anschließend – um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen – friedlich das UN-Büro in der Stadt. Die Frauen bewachten währenddessen das Dorf, vertrieben die Armee, die es durchsuchen wollte. Und nach 2 Monaten kräftezehrendem Protest ließ die Regierung endlich die unschuldig Festgenommenen wieder frei.

Insgesamt zielt die Strategie des „Krieges niederer Intensität“ darauf ab, ein Klima der Angst zu schaffen, so dass die Menschen ihren Widerstand aufgeben oder sich ihm gar nicht erst anschließen. Daneben schaffen und schüren die Behörden gezielt Konflikte zwischen der Bevölkerung. Dazu nutzen sie die Landknappheit in Chiapas aus: Sie vergeben Land, das bereits Zapatistas gehört, an andere arme Bauern und Bäuerinnen. So hetzen sie die arme Bevölkerung gegeneinander auf.

Gleichzeitig fördern Regierung und Armee die Entstehung paramilitärischer Gruppen, die ebenfalls Teil des „Krieges niederer Intensität“ sind. Sie sollen für das Militär und die Machthaber die schmutzigen Jobs übernehmen. Diese behaupten dann anschließend, nichts mit den Paramilitärs zu tun zu haben. Aber am wohl brutalsten Beispiel für diesen Krieg, dem anfangs erwähnten Massaker von Acteal, kann man diese Verbindungen deutlich sehen: Die Täter benutzten Waffen, die nur das mexikanische Militär kaufen kann. Die in der Nähe befindlichen Polizei- und Militäreinheiten griffen nicht ein und wollen von dem stundenlangen Massaker nichts mitbekommen haben. Allerdings wurde beobachtet, dass sie sich noch vorher mit den Tätern getroffen hatten.

Auch diese systematische Straflosigkeit für Täter_innen, die im Interesse oder mit Billigung der Mächtigen handeln, gehört zum „Krieg niederer Intensität“. Das Massaker von Acteal rief allerdings starken internationalen Protest hervor und daher wurden einige der Täter verurteilt. 2009 wurden aber viele von ihnen wieder auf freien Fuß gesetzt – wie es offiziell hieß wegen „Verfahrensfehlern“. Die Leute von Acteal erzählen uns, dass sie bereits einige der Täter wieder auf der Straße oberhalb des Dorfes gesehen haben.

Sicherheit geben und etwas Neues und Bewundernswertes kennen lernen – die Arbeit als Menschenrechtsbeobachter_in

Gegen diese Strategie, die Menschen durch gezielte Angriffe und eine ständige Drohkulisse zu schikanieren und einzuschüchtern, soll das Prinzip der Menschenrechtsbeobachtung ein wenig Abhilfe schaffen. Durch unsere Anwesenheit werden Angriffe wesentlich erschwert und die Menschen gewinnen wieder mehr Sicherheit. Indem wir den Handlungsspielraum der Aggressoren verkleinern, vergrößern wir den der widerständigen und bedrohten Bevölkerung.

Je nach Gemeinde sind die Aufgaben während der jeweils zweiwöchigen Einsätze unterschiedlich. Manchmal reicht die einfache Anwesenheit im speziell für uns eingerichteten Camp, manchmal sitzt man mit den Dorfbewohner_innen an Wachposten oder begleitet sie auf ihren Gängen außerhalb der Gemeinde. An der Wache reden wir viel mit den Menschen, spielen Karten mit ihnen, erfahren so viel über ihr Leben und ihren Kampf. An unseren Camps kommen immer wieder Kinder vorbei, sind neugierig und wollen spielen. Auch die Erwachsenen schauen ab und zu vorbei, grüßen uns, bringen Obst oder Tortillas und plaudern ein bisschen.

Von ihnen lerne ich auch, wie man Mais mahlt und Tortillas macht, wie sie aussäen und ernten. Ein paar Mal laden sie uns zu einem Kaffee zu sich nach Hause ein. So auch Antonio und Marciela, ein altes Ehepaar, das uns stolz den Kaffee aus eigenem Anbau einschenkt. Sie lachen viel, erzählen vom fiesen Großgrundbesitzer, vom Aufstand, der Landbesetzung und dem Angriff der Polizei. Zwischendurch kommt eine junge Frau mit ihrem kranken Sohn und fragt Antonio um Rat. Der alte Mann ist eine angesehene Institution im Dorf. Von uns will er ein bisschen Deutsch lernen. Zuerst will er wissen, was „Arsch“ auf Deutsch heißt. Als kurz danach mein Stuhl nachgibt und ich umfalle, lacht er laut und ruft „Caíste a tu Arsch“ – „Du bist auf deinen Arsch gefallen“. Die Menschen hier gefallen mir sehr. Sie sind freundlich, unverstellt und besitzen Klarsicht und Mut – was Vielen in Deutschland fehlt.

Als Beobachter_in erlebt man sehr viel, lernt außergewöhnliche Menschen kennen und lebt ein ganz anderes Leben, als man es gewohnt ist. Natürlich ist alles sehr einfach. Das Essen ist monoton. Wir schlafen in Hängematten oder auf dem Boden. Fließendes Wasser gibt es meist nicht. Das müssen wir von einem Hahn, der irgendwo im Dorf steht, oder von einer Wasserstelle außerhalb des Dorfes in Eimern holen. Bevor wir es trinken können muss es desinfiziert werden. Dadurch bekommt man ein völlig anderes Gefühl für Wasser und seinen Verbrauch.

Geld, Geld, Geld – Aufstandsbekämpfung, Wirtschaftsinteressen und der Widerstand dagegen

In Nueva Esperanza angekommen, werden wir von dem regionalen zapatistischen Rat empfangen. Die Männer und Frauen erzählen uns, dass die Gemeinde gespalten ist. 1994 hatten noch alle gemeinsam das riesige Anwesen der Rinderfarm besetzt, auf dem die Gemeinde jetzt steht. Zusammen haben sie den Großgrundbesitzer vertrieben und sein Land unter den Familien aufgeteilt. Aber im Jahr 2000 trat ein Teil der circa 80 Familien aus der zapatistischen Organisation aus und einer regierungstreuen Organisation bei. Seither gab es immer wieder Konflikte zwischen den beiden Gruppen, teilweise auch Zusammenstöße mit Verletzten.

Auch dies ist eine Strategie der Regierung. Durch Geldversprechen versucht sie, Menschen aus dem Widerstand herauszulocken und anschließend die Bewohner_innen gegeneinander auszuspielen und aufzuhetzen. Bei der Armut der Menschen hier ist es auch schwer, diesen Verlockungen nicht zu erliegen. Viele Dörfer, die auf Regierungsseite stehen erscheinen auf den ersten Blick weniger arm. Aber sie überleben meist nur aufgrund von Regierungsprogrammen, die Teil der Aufstandsbekämpfung sind. Diese halten die Menschen in Abhängigkeit und ändern an den bestehenden, ungerechten Strukturen nichts. Oft verstärken sie diese nur.

Es ist viel Geld im Spiel und es sind vor allem Wirtschaftsinteressen, die den Konflikt in Chiapas immer weiter schüren. Chiapas besitzt viele Ressourcen, die große Konzerne ausplündern wollen. Es gibt Vorhaben auf dem fruchtbaren Boden, der jetzt noch die Bevölkerung ernährt, riesige Ölpalmen-Plantagen entstehen zu lassen, um sogenannten „Bio-Sprit“ herzustellen. Außerdem haben Regierung und Investoren Pläne, den Bundesstaat zu einer Touristenhochburg zu machen. All das geht auf Kosten der Bevölkerung.

Das sieht man in der zapatistischen Gemeinde Bolón Ajaw, in der ich ebenfalls als Beobachter eingesetzt war. In der tief im Dschungel liegenden Gemeinde ist es unendlich heiß und schwül, Abkühlung verspricht nur der türkisblaue Fluss, der sich nahe der Gemeinde durch den Urwald schlängelt. Die Zapatistas waren einige Monate zuvor Ziel eines paramilitärischen Angriffes. Bewaffnete Männer aus dem regierungstreuen Nachbardorf hatten versucht, das Gebiet an den Wasserfällen von Bolón Ajaw zu besetzen. Sie konnten zwar wieder vertrieben werden, aber dabei gab es einen Toten und mehrere Verletzte.

Hintergrund dieses Angriffes auf die Gemeinde ist es, dass sich in der direkten Umgebung der beiden Dörfer die bei Tourist_innen beliebten Wasserfälle von Agua Azul befinden. Jetzt planen die Behörden und Privatunternehmen den Ausbau der touristischen Infrastruktur in der Gegend. An den touristisch noch unerschlossenen Wasserfällen von Bolón Ajaw will man ein Luxushotel mit Helikopterlandeplatz entstehen lassen.

In der Gemeinde selbst gibt es weder Strom noch fließend Wasser, die Familien wohnen in kleinen Holzhütten. Die Idee, in ihre Nachbarschaft ein Luxushotel hinzusetzen, wirkt irgendwie irreal. Aber als wir das erste Mal zu den Wasserfällen gehen, wird mir klar, warum die Reichen und Mächtigen die Menschen hier nicht in Ruhe lassen können: Vier große, tosende Wasserfälle, der türkisblaue Fluss, um uns herum nichts als Regenwald. Es ist einfach atemberaubend schön. Eine solche Schönheit müssen sie einfach zu Geld machen, auch auf Kosten der Menschen hier.

Aber die wehren sich. Nachdem sie ihr Land wieder zurückerobert hatten, begannen die Zapatistas, selbst einen touristischen Komplex zu bauen. Natürlich kein Luxushotel, aber wenn alles gut gehe, werde hier in circa 2 Jahren ein zapatistisches Hotel und ein Restaurant stehen, erklärt man mir. Doch die Gemeinde ist akut bedroht: Mehrmals überfliegen Helikopter die Wasserfälle und das Dorf. Einmal so tief, dass wir sehen können, wie wir gefilmt werden. Ein anderes Mal hören einige Bewohner_innen Schüsse in der Nähe der Gemeinde. Auch wir haben Sorge, dass die Paramilitärs vielleicht wieder angreifen wollen. Glücklicherweise bleibt es ruhig. Trotzdem ist überall die Angst und Anspannung der Menschen zu spüren. Dass sie weiterhin nicht aufgeben, sondern ihren Widerstand in Form ihrer Autonomie weiter ausbauen, ist sehr beeindruckend.

Als sich bei unserem Abschied viele von ihnen bei uns bedanken, macht mich das verlegen. Eigentlich bin ich es, der sich bedanken muss: Danke, dass ihr kämpft, dass ihr euch nicht verkauft, dass ihr nicht aufgebt, dass ihr dieses Beispiel setzt, auch mir Mut macht. Danke für die schöne Zeit hier. Nach meinem halben Jahr in Chiapas scheint mir der Satz greifbarer geworden zu sein, der in einem der vielen zapatistischen Wandgemälde steht: „Sie können alle Blumen abschneiden, aber sie werden niemals den Frühling abschaffen.“

Selbst Aktiv werden!

Vielleicht hat der eine oder die andere jetzt Lust bekommen, selbst einmal als Menschenrechtsbeobachter_in in Chiapas zu arbeiten. Das ist gar nicht so schwer: Als Vorbereitung auf den Einsatz bietet der Verein CAREA e. V. zweimal im Jahr sehr gute Vorbereitungsseminare an und stellt anschließend ein Empfehlungsschreiben an das Menschenrechtszentrum FrayBa aus, das die Einsätze koordiniert. (Mehr Infos unter www.carea-menschenrechte.de).

Aber auch für die, die einen solchen Einsatz gerade nicht machen können, gibt es viele Möglichkeiten, die Zapatistas von hier aus zu unterstützen: So gibt es etwa die Mailingliste von www.chiapas98.de. Über diese werden nicht nur aktuelle Nachrichten und Hintergrundberichte zur Situation in Chiapas und Mexiko verschickt, sondern immer wieder gibt es auch Ankündigungen von Veranstaltungen, Solidaritätsaktionen und E-Mail-Protesten. Für diese Liste anmelden kann man sich mit einer Mail an pcl@jpberlin.de.

Eine andere gute Möglichkeit, sich solidarisch mit den Zapatistas und anderen kämpfenden Menschen in Chiapas zu zeigen, ist, Andere für das Thema zu interessieren. Dazu kann man seinen Freund_innen davon erzählen, Vorträge oder Filmveranstaltungen zu Chiapas organisieren, einen Soli-Party machen usw.

Außerdem kann man, wie oben bereits erwähnt, auch in Deutschland Produkte aus zapatistischen Kollektiven erwerben. Bei www.cafe-libertad.de kann man diese per Internet bestellen. Den zapatistischen Kaffee gibt es in viele deutschen Städten auch direkt zu kaufen – wo, das verrät diese Liste: www.cafe-libertad.de/shop/infos/bezugsquellen. Eine weitere Idee ist die Mitarbeit im Ya-Basta-Netz, einem Netzwerk von Gruppen und Einzelpersonen, die mit den Zapatistas solidarisch sind, aber auch in Deutschland gegen Ausbeutung und Unterdrückung aktiv sind. Ihre Homepage findet man unter www.ya-basta-netz.de.vu – hierüber lassen sich auch lokale Gruppen ausfindig machen.

Eine der wichtigsten Möglichkeiten, sich mit den Zapatistas solidarisch zu zeigen, ist wohl der Kampf gegen die bestehenden Verhältnisse in der eigenen Gesellschaft. So sehen es auch die Zapatistas, wenn sie uns auffordern den „Kampf im Herzen der Bestie“, also im Zentrum der globalen kapitalistischen Ausbeutung, zu führen, nicht nur um ihretwillen, sondern auch für uns selbst. Für so ein Engagement gibt es unendlich viele Möglichkeiten und es gibt viele linke Gruppen und Initiativen in eurer Stadt oder Region, denen man sich anschließen kann. Dabei kann man von den Zapatistas lernen: Etwa wie wichtig es ist, sich hier zu organisieren, sein eigenes Leben mit Anderen zusammen als Widerstand zu leben, gerade wenn man schwach ist, eine andere Gesellschaft bereits heute im Kleinen aufzubauen, das Unrecht und die Ausbeutung nicht mehr mitzumachen – wie die Zapatistas zu sagen: „Ya Basta!“ – „Es reicht!“

Weitere Infos über die Zapatistas gibt es auf der Seite von www.chiapas98.de und in der halbjährlich erscheinenden Zeitschrift „Tierra y Libertad“, deren ältere Ausgaben auch zum Download im Netz stehen (www.tierra-y-libertad.de). Einen guten Überblick über die Geschichte und Gegenwart des zapatistischen Aufstands liefert außerdem das Buch „La Lucha sigue – Der Kampf geht weiter. Ursachen und Entwicklungen des zapatistischen Aufstands“ von Luz Kerkeling. Das neu erschienene Buch „Das Recht glücklich zu sein. Der Kampf der zapatistischen Frauen in Chiapas/Mexiko“ (inklusive DVD) von Nikola Siller und Dorit Siemers gibt einen tollen Eindruck über die Realität und die Fortschritte der zapatistischen Frauen. Wer lieber eine spannende Doku schaut, ist mit dem Film „Der Aufstand der Würde“ gut beraten. Die Bücher, die Doku und weitere spannende Medien zu den Zapatistas und darüber hinaus kann man unter anderem bei www.zwischenzeit-muenster.de oder bei www.cafe-libertad.de bestellen.

Martin

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Punk, Autonomie und Politischer Aktivismus in Mexiko

Erschienen im Plastic Bomb Nr. 73 – Dezember 2011
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Im September bin ich von meiner Reise durch Mittelamerika und Mexiko wiedergekommen. Dort habe ich ein Jahr lang viele super spannende und hoffnungsvolle Menschen, Geschichten, politische Kämpfe und Projekte kennengelernt – daneben natürlich auch viel kaum zu ertragende soziale Ungerechtigkeit und traurige Schicksale. Aber vor allem die Hoffnung, der Mut und die Ideen vieler Menschen dort haben mich begeistert.

Von zwei dieser Erfahrungen möchte ich euch deshalb berichten: Von Januar bis Juli 2010 war ich als Menschenrechtsbeobachter im mexikanischen Bundesstaat Chiapas tätig und habe dort in zapatistischen und anderen widerständigen Gemeinden gearbeitet. Dazu gibt es ebenfalls einen ausführlichen Bericht. Anschließend bin ich weiter nach Mexiko Stadt gefahren. Die gigantische Metropole, mit ihren über 20 Millionen Einwohnern, war ein ziemlicher Kontrast zu den kleinen Berg- und Urwald-Gemeinden, in denen ich in Chiapas war: Laut, viel Trubel, voller Menschen und voller Leben, tausend Attraktionen. Aber ganz so schlimm, wie man sich ein solches „Moloch“ vielleicht vorstellt, war es auch nicht. Es gibt erstaunlich viel Grün, die Stadt ist zwar riesig, aber nicht total eng bebaut – und vor allem: die meisten Leute hier sind entspannter und freundlicher als man das aus Kaltland gewöhnt ist.

Vor allem aber war Mexiko Stadt für mich auch wie eine „Brücke“ zwischen den Erfahrungen, die ich vorher bei den Zapatistas und Anderen im Gebirge oder Dschungel Mittelamerikas und Chiapas gemacht habe und dem Großstadtdschungel im hochindustrialisierten Doofland. Denn mitten in der mexikanischen Hauptstadt befindet sich nahe des historischen Stadtzentrums im Untergeschoss eines alten Gebäudes einer der wenigen selbstverwalteten Freiräume der Stadt: Die „Z.A.M.“. Hier gibt es einen Info-Laden und eine kleine Halle Treffen, Workshops und Veranstaltungen – und hier leben 6 zapatistisch-anarchistische Punks/Aktivist_innen im Kollektiv zusammen. Dazu kommen eine wechselnde Zahl von Gästen aus aller Welt – und auch ich konnte hier für 2 Monate unter kommen.

Wie fast überall während meiner Reise bin ich hier mit sehr viel Gastfreundschaft aufgenommen worden und habe dabei sehr nette, fitte und bewusste Menschen kennen gelernt. Nichts lag also näher, als mich kurz vor meiner Weiterreise mit ein paar meiner neuen Freunde zusammenzusetzen und ihnen ein paar Fragen zu stellen: Über die Z.A.M. und ihre Aktivitäten dort, über Punk in Mexiko gestern und heute, über die Unterschiede zur deutschen Szene. Außerdem reden wir über ihr Punk-Kollektiv und wie sie die Verbindung zwischen Punk und Politik sehen und leben. Ich denke, sie haben eine Menge spannender Dinge dazu zu sagen, die auch für uns hier in Deutschland eine Anregungen zum Nachdenken und (Anders-)Leben sein können. – Viel Spaß also beim lesen, nachdenken und anders leben!

Martin

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DIE Z.A.M.

Martin (M): Was bedeutet der Name „Z.A.M.“?
Pirra (P): Der Name bedeutet „Zona Autónoma Makhnovtchina“1. „Autonome Zone“ ist beeinflusst durch das Konzept der „Temporären Autonomen Zonen“ des Schriftstellers Hakim Bey2. Und klar, natürlich auch weil es ein selbstverwalteter Raum ist. Und der Name „Makhnovtchina“ ist eine Hommage an den ukrainischen Anarchismus, der uns beeinflusst hat3.

M: Und was ist die Idee oder die Philosophie hinter der Z.A.M.?
Santi (S): Die Idee der Z.A.M. Ist keine feststehende Philosophie und sie verändert sich. An der Z.A.M. beteiligen sich viele Individuen und Kollektive und alle versucht, eine selbstbestimmte Praxis zu leben – aus der jeweils eigenen Sicht und mit den Mitteln, die jeder und jedem zur Verfügung stehen. Zentral ist: Die Z.A.M. ist ein Freiraum – wir zielen darauf, mit den Mustern der Gesellschaft zu brechen, und einen freien Raum zu erschaffen, in dem wir selbst über unsere Gegenwart und unsere Zukunft bestimmen können.
Chiwy (C): Ich denke, dass wir weniger eine Philosophie als mehr einige Prinzipien haben, mit denen wir uns identifizieren. Das sind der Anti-Autoritarismus, also die Ablehnung politischer Parteien, die Ablehnung der Machtorgane der Regierung, der Religion und so weiter – alles was uns in der Kontrolle der Macht hält. Und wir befördern die Autonomie, die Selbstbestimmung, den Do-It-Yourself-Gedanken. Aber weitergehende Regeln und Einschränkungen haben wir in der Z.A.M. nicht. Alle Menschen, die diese Prinzipien haben, sollen hier Platz haben. Spannend ist, dass wir selbst hauptsächlich Punks sind, aber es kommen wenige Punks. Es kommen eher andere Leute, sehr unterschiedliche, denen die Aktivitäten und die politischen Ideen hier gefallen.

M: Wie und wann habt ihr mit der Z.A.M. angefangen?
P: Wir kommen aus verschiedene vorherigen Projekten. Das wichtigste ist die „Furia de las Calles“4, die als Label und Vertrieb angefangen hat und aus der dann ein Kollektiv hervorgegangen ist. Und daher kam hauptsächlich die Idee, dass wir einen Ort brauchen, um unsere Aktivitäten zu machen, unsere Workshops abzuhalten und um einen gemeinsamen Wohnraum zu haben. Aber zu Anfang haben wir keinen solchen Ort gefunden, nur ein Lokal für unseren Info-Laden. Dort haben wir auch versucht Lern-Gruppen zu machen. Und dann hat sich diese Gelegenheit hier ergeben.
S: Wir hatten schon vorher die zapatistischen Genossen kennen gelernt, die die Zeitschrift „Rebeldía“5 herausgeben. Die hatten hier in den Räumen ein eigenes Druckerei-Kollektiv. Und da wir seitdem unsere Flugblätter und Fanzines von ihnen drucken ließen, haben wir uns immer besser kennen gelernt. Und als sie sich entschieden haben, hier auszuziehen, haben sie uns die Räumlichkeiten überlassen. Zunächst war es die „Furia de las Calles“, die das Projekt begonnen hat. Aber es sind immer mehr Leute dazugekommen – als Kollektive oder Einzelpersonen. Und jetzt, nach über einem Jahr hier, sind wir eine Gemeinschaft von Kollektiven.

M: Könnt ihr ein bisschen mehr über die Aktivitäten erzählen, die ihr hier macht? Welche Kollektive und Projekte habt ihr hier?
C: Am stärksten sind Kunst-Ausstellungen und Kunst-Workshops, außerdem das „Hacklab“, ein Hacker-Labor, in dem wir Freie Software und die Hacker-Philosophie verbreiten. Wir recyceln Hardware und wir helfen vielen Leuten bei digitalen und elektronischen Projekten. Wir geben viele Workshops dazu, wie man Webseiten macht, wie man mit Freier Software designt, wie man Freie Software auf seinem Computer installiert und so weiter. Darüber hinaus haben wir jetzt den Info-Laden der „Furia de las Calles“ hier, wo wir Punk-Kram, libertäre Infos und Sachen zu Autonomie und zum Zapatismus anbieten. Wir haben auch eine Offset-Druckmaschine. Andere Freunde haben hier ein paar Veranstaltungen zu Umweltschutz, nachhaltiger Lebensweise und städtischer Landwirtschaft gemacht. Und außerdem haben wir schon Filme gezeigt, es gab Buchvorstellungen, Vorträge, Studienkreise über Autonomie und andere Dinge – außerdem ein paar Konzerte, auch wenn das nicht das ist, was uns vordringlich interessiert und was wir befördern wollen.
P: Und außerdem haben wir hier noch ein anderes Projekt, dass sich „espora.org“ nennt. Das ist ein autonomer Server auf dem viele linke Organisationen und Kollektive ihre Seiten haben.

M: Letzten Jahr habt ihr hier das Hacker-Treffen „Hackmitin“ organisiert. Könnt ihr darüber noch was erzählen?
P: Ein spanischer Freund von uns hat uns von den Hacker-Treffen dort erzählt. Für uns schien sowas hier in Mexiko noch in weiter Ferne. Aber als er hier in Mexiko war war er sehr motiviert, auch hier eins zu organisieren. Und da wir auch an der Idee dran waren, haben wir uns zusammengetan, viele Leute zusammengebracht und das „Hackmitin“ auf die Beine gestellt. Es war ein Treffen zu Freier Software. Es kamen auch viele Leute von sozialen Bewegungen, die nicht viel Ahnung von Technik und Software hatten. Es war über drei Tage ein sehr angenehmes Miteinander, ein kollektiv organisiertes Treffen.
C: Es war ein sehr wichtiges Ereignis, um die politische Bedeutung der Freien Software bekannter zu machen. Denn viele sehen die politische Dimension des Ganzen nicht. Sie sehen es als eine technische Frage und nutzen vielleicht Linux, weil es weniger Virusprobleme damit gibt als bei Windows. Wir sehen es aber als etwas sehr politisches an, , als ein Mittel für Selbstbestimmung und als Werkzeug für die Vernetzung sozialer Bewegungen. Außerdem haben sich durch das „Hackmitin“ Netzwerke zu Freier Software in ganz Mexiko gebildet. Dieses Jahr organisieren wir zusammen das nächste „Hackmitin“, das Anfang November in Oaxaca6 stattfinden wird.

M: Santi, du bist Künstler, siehst deine Kunstprojekte auch als politische und soziale Kampfform an. Warum?
S: Ich sehe die visuelle Frage als einen wichtigen Aspekt der Autonomie an. Gerade innerhalb der Städte muss es einen visuellen Widerstand geben. Weil wir in einer sehr visuell geprägten Gesellschaft leben. Egal wo du hingehst, siehst du in den Straßen Werbeplakate, die dir sagen: „Kaufe dies!“ – unsere Wahrnehmung wird entlang von Geld und Wirtschaftsinteressen geleitet. Wir begreifen uns deshalb selbst nur noch als Konsumenten und fühle uns oft schlecht: Der eine fühlt sich zu dünn, der andere zu dick, einige haben zu dunkle Haut, andere haben zu helle Haut – die westliche Gesellschaft lässt uns alle glauben, dass wir nichts wert sind. Sie hält uns in einer konstanten Unsicherheit, greift beständig das Selbstbewusstsein der Menschen an. Und dieses niedrige Selbstwertgefühl nutzt der Kapitalismus einmal, um die Menschen unter Kontrolle zu halten, und außerdem, um zu verkaufen – denn nur so kann er fortbestehen: Der Ausweg, der uns ständig vorgegeben wird, um uns besser zu fühlen, ist Einzukaufen.
Daher müssen wir etwas dagegensetzten, was die Leute sehen und schön finden. Wir müssen eine visuelle Alternative zu all der Scheiße schaffen, die uns das System einimpft. Deshalb begreifen wir in den drei Kunstkollektiven, in denen ich bin, unsere Arbeit als Kunst zum politischen Kampf. In Mexiko hat das eine lange Geschichte – der Produktion von Grafiken, die aufrütteln und die exisiterenden Ungerechtigkeiten aufdecken.

M: Und was macht ihr mit diesen Kollektiven gerade so?
S: Momentan haben wir hier im Z.A.M. etwa eine Ausstellung von einem meiner Kollektive: Weil im Dezember 2010 der UN-Klimagipfel in Mexiko stattfinden wird, haben wir Poster entworfen, die sich mit dem Klimawandel beschäftigen und die Lügen der Mächtigen anprangern, sie würden eine Lösung für den Klimawandel finden. Jeder weiß, das der Klimawandel zum großen Teil durch unsere Lebensweise im Kapitalismus hervorgerufen wird. Mit unseren Postern machen wir deutlich, dass die UN die kapitalistischen Interessen der mächtigen Staaten und der multinationalen Konzerne verteidigt, und dass das kapitalistische Produktionssystem der Ursprung des Klimawandels ist – dass das keine abstrakte Frage ist, sondern dass der Klimawandel mit der Art und Weise zu tun hat, wie wir alle unser Leben leben. Und dass wir dabei einen radikalen Wandel einleiten müssen, um das Problem anzugehen.

M: Ihr habt diesen Raum von den vorherigen Nutzer_innen überlassen bekommen, ihn genutzt, mit Leben gefüllt, jetzt kann es aber sein, dass man versucht euch hier rauszuschmeißen. Wie ist die Situation momentan?
C: Das Problem ist, dass die Situation nie besonders klar gewesen ist, seit man uns die Räume überlassen hat. Das Gebäude gehörte lange einer kommunistisch-trotzkistischen Partei. Mittlerweile sind die meisten Leute in der Partei aber nicht mehr an politischen Zielen sondern an Geld und Macht interessiert. Und durch Spaltungen und finanzielle Probleme der Partei haben es einige Leute geschafft, sich das Haus unter den Nagel zu reißen. Die wollen es jetzt an eine Immobiliengesellschaft verkaufen.

M: Kann man denn sagen, dass eure Räumlichkeiten hier besetzt sind?
C: Am Anfang war er eher „geliehen“… aber jetzt ist er immer mehr „besetzt“.

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SOLIDARITÄT MIT DER Z.A.M.

Da sich die Situation der Z.A.M. nach dem Interview weiter zugespitzt hat, habe ich bei Chiwy per E-Mail nachgefragt, wie es momentan aussieht und wie man ihnen aus Deutschland helfen kann. Das hat er geantwortet: „Die Leute von der Partei haben uns mittlerweile gebeten auszuziehen, da das Haus jetzt einem anderen Besitzer gehöre. Sie sind auch ausgezogen. Wir haben gesagt, dafür bräuchten wir ein bisschen Zeit – aber natürlich wollen wir nur Zeit gewinnen, um uns dagegen zu wehren und hier bleiben zu können. Wir wollen diesen Raum und unsere Arbeit darin verteidigen und haben daher jetzt verstärkt Aktivitäten organisiert. Wir haben außerdem eine Erklärung verbreitet (in Deutsch), um Öffentlichkeit herzustellen und Unterstützung zu erhalten – darauf sind auch zwei Artikel in mexikanischen Zeitungen erschienen.
Um uns von Deutschland aus zu helfen, wäre es toll, wenn diese Information weiter verbreitet wird und dass man vielleicht eine Soli-Party oder ein Soli-Konzert für die Z.A.M. organisiert, um uns finanziell ein bisschen zu unterstützen.“ Wer helfen will, kann sich gerne bei der Z.A.M. (zam---ait---riseup.net) melden.

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M: Trotz dieser Unsicherheit: Was wollt ihr noch in der Z.A.M. machen? Welche Ideen und Pläne habt ihr für die Zukunft?
C: Wir wollen sehr gerne die Räumlichkeiten verbessern: Eine Bühne für die Konzerte, bessere Infrastruktur für die Ausstellungen und das Hacklab, eine Fahrradwerkstatt, den Infoladen verbessern, die Toiletten. Aber es lohnt sich nicht, sich all die Mühe zu machen und das ganze Geld und die Arbeit dafür zu investieren, etwas langfristiges aufzubauen, wenn wir nicht wissen, dass wir hier noch länger bleiben können.

PUNK IN MEXIKO

M: Okay, neues Thema: Wie und wann ging es in Mexiko mit Punk los? Erzählt mal ein bisschen über die Geschichte des Punk hier!
C: Es ging Ende der 70er los. Zunächst waren es vor allem Jugendliche, die reich genug waren, um in andere Länder reisen zu können und die dort die Punkbewegung kennenlernten. Als sie zurück kamen, gründeten sie ein paar Punkbands. Aber das war sehr yuppie-mäßig. Später, in den 80er Jahren, gab es eine große Welle, die sich am Schlachtruf „No Future“ orientierte. Das waren Jugendliche von der Straße, die sich in Banden organisierten. Sie hatten keine politische Einstellung, denen war alles egal. Es ging nur um Musik, Drogen, Alkohol, Gewalt. So war es besonders in Mexiko Stadt.
Aber in Städten wie Tijuana7 gab es bereits Anfang der 80er einige stärker politische Bands, die von den Dead Kennedys, Crass und so weiter beeinflusst waren – etwa Solucion Mortal. Und diese Bands beeinflussten dann Bands hier aus Mexiko Stadt. Mitte der 80er gab es schon mehr politische Bands, die ersten Punk-Kollektive wurden gegründet, schon vorher gab es einige Fanzines – und das setzte sich fort. In den 90ern gab es bereits viele Kollektive. Etwas sehr wichtige für die Entwicklung waren die Demonstrationen gegen die Feierlichkeiten zum 500. Jahrestag der sogenannten „Entdeckung Amerikas“ 1992. Viele Punks haben daran teilgenommen.
Ich bin etwa 1994 zum Punk gekommen und mich hat immer schon mehr das Politische daran angezogen, wenn ich die Fanzines gelesen habe und die Texte gehört habe. Ich bin dann bald in ein Kollektiv eingetreten. In diesen Jahren gab es viele Punk-Treffen. Dadurch habe ich viele andere Kollektive und Fanzines im ganzen Land kennen gelernt.
P: Also ich kann was zum Zeitraum von 2000 bis heute sagen (lacht). Damals bin ich zum Punk gekommen. Und ich traf auf eine Punk-Bewegung die zumindest hier in Mexiko Stadt stark politisiert und voller Kollektiven war. Es gab viele Treffen, viele Fanzines, Bands, Konzerte. Und viele Punks, die in verschiedenen sozialen Bewegungen mitmachten, etwa in der Anti-Globalisierungs-Bewegung, in Demos gegen multinationale Konzerne – damals war es noch nicht so wie heute, wo diese Demos nichts mehr bringen, damals wurden die Konzerne noch richtig angegriffen. Auf die Demos zum 2. Oktober8 gehen auch heute noch viele Punks. Ich war damals dabei als wir mit verschiedenen Kollektiven aus dem ganzen Land eine Solidaritäts-Karawane zu den zapatistischen Gemeinden in Chiapas organisiert habe. Damals gab es in der Punk-Szene viel Interesse an den Zapatisten und viel Solidarität mit ihrem Kampf.

M: Wie ist denn die Situation der Punk-Szene heute?
C: Ich glaube Punk ist in einer Krise – in Mexiko und in fast der ganzen Welt. Soweit ich es aus Gesprächen mit Leuten aus anderen Ländern und bei meinen Reisen mitbekommen habe. Alles ist immer stärker auf die Musik fixiert. Gerade auch mit Crust und D-Beat wird alles sehr entpolitisiert. Diese Bands haben keine politische Boschaft mehr. Dadurch, dass sie sich mit Metal vermischen, tragen sie die ganze Apathie von Metal in den Punk. Dadurch verliert Punk viele seiner eigentlichen Wurzeln. Für viele Leute ist Punk schon nur noch Musik. In Mexiko gibt es immer weniger Kollektive oder sie verschwinden nach 1 oder 2 Jahren wieder. Auch Fanzines gibt es kaum noch. Und Bands gibt es auch nicht so viele. Die bekanntesten Bands sind Crust- oder D-Beat-Bands. Das ist kein besonders hoffnungsvolles Panorama – aber das ist das, was ich sehe.
P: Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass wir früher mehr Fanzines verkauft haben und andere Info-Materialien. Heute fragen die meisten Punks nach CDs oder Nieten. Kaum noch nach Dokus oder Büchern. Die Dokus, Bücher und Fanzines, die wir hier in unserem Laden verkaufen, die kaufen andere Leute. Wie Chiwy gesagt hat: Punk ist in einer Krise.
S: Ich würde nicht sagen, dass Punk in Mexiko in einer Krise ist – das hört sich für mich zu kritisch an. Aber die Bewegung ist zur Zeit von sehr viel Passivität geprägt. Ich weiß nicht, woher das kommt, ob es die ganze Gesellschaft ist, die so passiv ist oder nur die Jugend. Aber ich bin schockiert, wie stark die Leute ruhig gestellt sind. Besonders in Lateinamerika ist die politische und wirtschaftliche Situation sehr ernst – und die Leute sitzen vor Myspace oder Facebook, dem Fernseher oder hören einfach nur Musik. Gut, die sozialen Netzwerke im Internet sind nicht prinzipiell schlecht, aber wie sie genutzt werden, dass ist das schlimme. Musik hören ist nichts schlimmes, aber wenn sie dazu dient, die Menschen ruhig zu stellen, dann ist das ein Problem. Punk ist bei diesen größeren gesellschaftlichen Prozessen mitgezogen worden. Und der Kapitalismus hat sich im Punk eingenistet und ihn kommerzialisiert.
Um aber als Punks politisch und sozial relevant zu bleiben, müssen wir informiert bleiben und Punk mit Politik verbinden. Um die Wut, die Punk ausmacht, in eine positive Richtung lenken zu können. Damit etwas aus dieser Wut erwächst. Außerdem ist es wichtig, dass wir nicht in einem Ghetto bleiben und immer nur Punk, Punk, Punk wollen und nichts anderes. Es gibt andere Bewegungen, die nichts mit Punk zu tun haben, und es ist wichtig, sich mit ihnen zu verbinden, genauso in unserem Viertel und mit unseren Nachbarn. Zu wissen, was passiert – außerhalb von Punk und unserer kleinen Welt. Was wollen wir mehr als indigene Gemeinden in Mexiko, die ihre Selbstbestimmung suchen – wie in Atenco, in Chiapas oder Oaxaca. Es gibt Punks, die das nicht interessiert, die das nicht als etwas begreifen, mit dem sie sich identifizieren können. Weil es keine Hardcore-Band ist oder weil die Menschen dort die Haare nicht hochgestellt haben. Es kann ja nicht sein, dass wir diese Möglichkeit nicht nutzen, nur weil es nicht in die Punk-Stereotype passt.

M: Welche verschiedenen Szenen innerhalb der Punk-Bewegung gibt es hier? Vermischen sie sich, tauschen sie sich aus?
C: So wie ich es mitbekommen habe, ist es in anderen Ländern gespaltener als hier. Hier gibt es auch nicht so viele Leute in der Szene. In Mexiko Stadt gab es ab und zu Konzerte mit 2.000 oder 3.000 Punks, aber wenn man sieht, wie viele Leute stärker in die Szene involviert sind, dann sind wir nicht so viele. Wir waren immer so 50 bis 200 Leute. Und unter denen gab es eine große Vielfältigkeit: Crust, Punk, HC, Skinheads und so weiter und es gab generell viel Freundschaft unter uns. Das war aber mehr in den 90ern und zu Beginn des neuen Jahrtausends so. Danach wurde es immer mehr Mode, Skinhead zu werden. Und wegen der gewalttätigen Einstellung vieler Skinheads gab es sehr viele Probleme – auch mit den nationalistischen oder schlimmeren Einstellung von einigen. In den letzten Jahren wurde es dann immer gespaltener vor allem mit den Crust-Leuten, die nur noch Crust hören wollen und sagen, sie wollen mit Punk nichts mehr zu tun haben. Aber ich weiß auch nicht so gut über all das Bescheid. Ich kenne zwar ein paar der jüngeren Leute, aber es gibt viele neue junge Leute. Leider sind aber viele nur ein, zwei Jahre dabei und verschwinden dann wieder – und so kann nichts Konstantes entstehen, man kann keine wirkliche Richtung oder Idee erkennen.
P: Es gibt viele Etikette, die dazu dienen zu unterteilen und zu spalten. Die werden auch dazu genutzt eine Überlegenheit der einen Seite über die andere zu behaupten. Ich weiß nicht genau, wie so was entsteht. Vielleicht so, dass die Ideen und die Art und Weise von bestimmten Bands einige Jugendliche so stark beeinflussen, dass sich eine Bewegung gründet, die die Bands vielleicht nie gründen wollten. Etwa Minor Threat oder Amebix…
C: Discharge.
P: Ja, Discharge – viele sagen, dass D-Beat durch Discharge entstanden ist. Das sehe ich nicht – zumindest nicht in der Einstellung, sondern nur in den Buchstaben (lacht). Durch all das gab es viele Trennungen. Mir gefällt es aber besser es einfach als Punk zu begreifen, ohne diese ganzen Etikette – weil dann fängst du an zu sektieren. Wenn wir jetzt zum Beispiel anfangen würden uns Hacker-Punks zu nennen oder zapatistische Punks oder was weiss ich, dann würde uns das nur teilen. Wir sind alle Punks und uns interessieren viele unterschiedliche Dinge. So interessiert viele Punks zum Beispiel Tierrechte oder andere Sachen – das ist eher meine Vorstellung: Statt Etikette zu verteilen, einfach: Wir sind alle Punks!
C: Oft ist es so, dass die Etikette woanders entstehen und die Leute sie hier nur kopieren. Wir haben die USA als Nachbarland und ich glaube, in den USA gefällt es ihnen sehr gut für alles Etikette zu erfinden: Streetpunks, Crust-Punks, Veganer, keine Ahnung, wie viele Namen die für alles mögliche haben. Und hier gefällt es den Leuten, dass zu kopieren, obwohl es meist nicht viel mit der Realität hier zu tun hat.

M: In den 80ern gab es in der mexikanischen Punk-Szene sehr viel Gewalt. Wie ist das heute?
S: Die gibt es immer noch. Denn Punk ist in gewisser Weise ein Spiegel der Gesellschaft. Auch wenn wir im Punk und den anderen Gegenkulturen mit bestimmten gesellschaftlichen Mustern brechen wollen, wir schleppen viel der Indoktrination mit, die wir seit unserer Kindheit mitbekommen. In Mexiko war und ist die Gewalt eine der wichtigsten Waffen des Systems um die Jugendlichen gegeneinander auszuspielen und aufzuhetzen. Das ist das, was ich vorhin meinte: Wenn wir unsere Wut nicht auf ein positives Ziel hin ausrichten, wenn wir sie nicht in etwas positives verwandeln, dann zerstören wir uns selbst. Denn die Ungerechtigkeiten existieren und wir spüren sie. Das Entscheidende ist, zu erkennen, wo die Wurzel dieser Wut und dieser Ungerechtigkeiten sind.
Und ich denke, die Gewalt innerhalb der Punk-Szene ist davon ein Ausdruck: Die Leute fühlen sich scheiße, wissen aber nicht, gegen wen sie diese Wut richten sollen. Also richtest du sie gegen die Leute, die am einfachsten greifbar sind und eigentlich in einer ähnlichen Situation stecken. Und du suchst jeden Vorwand, damit diese Wut ausbrechen kann. Das ist auch ein Ausdruck von Machtlosigkeit. Die meisten Menschen werden es sich zwei Mal überlegen, ob sie einen Polizisten schlagen, oder einen Abgeordneten oder den Präsidenten – da kommt man kaum ran. Aber vielleicht an einen besoffenen Punk. Dem kannste leicht eine verpassen. Solange die Strukturen der Gesellschaft gewalttätig sind, wird auch die Gewalt in der Punkszene weitergehen.
C: Nicht nur in der Punk-Szene gab es in den 80ern Gewalt, sondern überall in der Gesellschaft. In allen Stadtvierteln gab es sehr gewalttätige Gangs. Ich weiß nicht so genau warum, aber das ist zurückgegangen – zumindest hier in Mexiko Stadt. Jetzt gibt es eine andere Form von Gewalt in diesem Land. Etwa die der Drogenkartelle – aber gut: Das ist eine andere Geschichte. Und in der Punk-Szene? Ich glaube die mexikanische Gesellschaft insgesamt ist ein bisschen gewaltvoller – ich denke so ist es in ganz Lateinamerika. Auf allen Konzerten, auf denen ich bisher gewesen bin, gab es normalerweise eine Prügelei – das ist das normalste von der Welt. Als ich dann auf Konzerten in Europa oder den USA war und es mal eine Schlägerei gab, haben die Leute ganz anders reagiert, sind direkt dazwischen. Hier ist das nichts, was als schlimm angesehen wird. Aber auch hier hat es sich abgekühlt. Es gibt noch fast immer Schlägereien, aber die sind nicht mehr so heftig – und es ist einfach was, an das wir gewöhnt sind und das wir nicht als so schlimm ansehen.

M: Mir ist aufgefallen, dass es hier im Vergleich zu Deutschland weniger Frauen in der Punk-Szene gibt – auch ihr seid nur Männer. Daher könnt ihr das auch nicht so gut einschätzen, aber trotzdem frage ich: Wie ist die Situation von Frauen in der Punk-Szene? Warum gibt es so wenige? Und wo sind Frauen in der Szene aktiv?
C: Nun, auch das hat wahrscheinlich kulturelle Ursachen. Wie in ganz Lateinamerika ist hier der Katholizismus immer noch fest verankert und das hat großen Einfluss auf die Erziehung. Und auch wenn du Punk bist, kannst du dich nicht so leicht von all dem kulturellen Balast befreien, den du mitbringst. Außerdem gibt es hier in den Familien noch viel Unterdrückung gegen Frauen, wenn sie zu oft ausgehen oder an Aktivitäten teilnehmen. Man sagt auch, es gäbe viel Machismo in der Szene… ich weiß nicht so recht, es ist ein kompliziertes Thema.
Gut, es gib wirklich wenige Frauen und wir haben uns immer gefragt, warum. Und die Frauen, die es gibt, sind eher die Freundin von jemanden und wenn sie das nicht mehr sind, dann ziehen sie sich aus der Szene zurück. Obwohl es auch einige Kollektive, Bands und Fanzines gegeben hat, die von Frauen gemacht wurden – die meisten haben aber nicht lange existiert. Dass es nicht so viele Frauen gibt, dafür gibt es viele Gründe… ich weiß nicht so richtig.
S: Das ist wirklich schwierig, denn ich habe zwar eine Meinung dazu, aber das ist die Wahrnehmung eines gesellschaftlich geprägten Mannes. Das könnte dir sicher besser eine Frau erklären, die das tagtäglich selbst erfährt. Aber ich glaube auch, dass es so wenige Frauen in der Punk-Szene gibt, weil es einen so starken gesellschaftlichen Druck gibt. Einmal innerhalb der Familie – mehr als die Söhne bekommen die Töchter einen starken Druck, dass sie einen gesellschaftlich akzeptiert Weg einschlagen. Und Punk ist da etwas komplett undenkbares. In meiner Familie ist das auch so gewesen. Meine Schwester ist auch Punk und der haben sie immer wieder gesagt: „Lass‘ das doch sein! Lern‘ was! Geh‘ arbeiten!“ Bei mir waren sie zwar auch nicht begeistert, haben mich jedoch viel mehr machen lassen.
Aber wir haben auch einige altgediente Punk-Kolleginnen, die alles mit durchgemacht haben. Und ja, für sie ist es sicher sehr viel schwerer. Denn neben dem, was sie zuhause an Diskriminierung aushalten müssen, müssen sie die Diskriminierung in der Punk-Szene aushalten. Denn die ist auch nicht frei vom Machismo, obwohl sie sich anti-sexistisch nennt. Wie vorhin schon gesagt, wir tragen diese Indoktrination in uns. Wir bleiben Männer innerhalb der Gesellschaft und wir benutzen weiter viele der gesellschaftlichen Muster. Wenn man sich die Konzerte oder den Chopo9 ansieht, dann ist das oft schon ein großer Kontrast zu dem anti-sexistischen Anspruch vieler Leute.

M: Ihr habt schon häufiger Touren von Bands aus dem Ausland organisiert. Was für Erfahrungen habt ihr damit gemacht? Was plant ihr da für die Zukunft?
C: Seit ich ab den 90ern in Kollektiven war, haben wir verschiedene Konzerte organisiert. Die größten waren die von Sin Dios aus Spanien, und auch andere Bands wie Resist and Exist und andere kleinere Bands aus den USA und Spanien, und auch einige aus Argentinien wie etwa Sopa de Garron. Und Active Minds – was für uns eine tolle Erfahrung war, den sie sind sehr aufrechte und ehrliche Menschen. Ich habe viel von ihnen gelernt.
Seit vielen Jahren haben wir jetzt schon keine Konzerte mehr organisiert, denn das ist schwer hier: Die Mehrheit der Leute will keinen Eintritt bezahlen, es gibt Probleme mit den Nachbarn und so weiter. Ich habe in anderen Ländern gesehen, wie Leute kommen, zahlen und reingehen ohne dass es Probleme gibt. Hier – vielleicht wegen kulturellen und wirtschaftlichen Gründen – neigen die Leute dazu gewalttätiger zu sein und haben oft auch sehr wenig Geld. Außerdem haben wir eingesehen, dass Konzerte das am wenigsten revolutionäre sind, was man im Punk machen kann. Oft kommen die jungen Leute nur zu den Konzerten um zu lernen, wie sie sich besaufen und mit Drogen zuknallen können. Und das ist nicht gerade besonders revolutionär, oder? Vielleicht kann man mit den Konzerten Geld für andere wichtige Anliegen reinholen – und klar: Konzerte können auch ein Raum für ein gesünderes Vergnügen als den Drogen- und Alkoholmissbrauch sein. Aber hier war es meistens so, dass es viel Drogen- und Alkoholmissbrauch gab.
Bald werden wir jetzt aber Rattus hierher bringen. Eine Band aus Finnland, die uns sehr gefällt und die immer eine Inspiration für uns gewesen ist – auch wenn es keine politische Band ist, aber wegen ihrer Energie und ihrer Aufrichtigkeit. Das sind sehr nette und bescheidene Leute, die von uns nichts verlangt haben. Wir haben versucht andere Bands aus England oder von anderswo rüberzuholen, aber die haben Hotels und tausende von Dollar verlangt, damit sie spielen. Also haben wir den Kontakt abgebrochen. Wir sind an DIY interessiert und nicht daran, mit Managern zu verhandeln und so ein Zeug. Tatsächlich boykottieren wir Konzerte dieser Art hier in Mexiko. Uns gefällt so was wie die Holidays in the Sun Festivals nicht, die weltweit organisiert werden nur um das auszubeuten, was Punk mal war und es in etwas rein auf Musik beschränktes und kommerzielles zu verwandeln.
Was wir mit dieser Tour erreichen wollen ist die Punk-Kultur wiederzubeleben. Dass sie wieder mehr Jugendliche kennenlernen. Und daher eine inspirierende Band, deren Texte voller Wut und Energie sind und Relevanz haben. Nicht so wie Crust-Bands, die nur über Bomben und so ein Zeug singen. Dadurch werden wir auch mal sehen, wie die Konzerte so laufen, wer so kommt, andere Leute kennenlernen, sehen wie es so in anderen mexikanischen Bundesstaaten ist.10

M: Chiwy, du warst schon mal längere Zeit in Deutschland. Was denkst du sind die Unterschiede zwischen Punk in Mexiko und in Deutschland?
C: Als ich das erste Mal vor 10 Jahren dort war, war das für mich ein Schock, denn ich habe viele Unterschiede wahrgenommen. Als ich ihnen von Punk-Kollektiven erzählt habe, hat keiner verstanden, was denn ein Punk-Kollektiv sein soll. Sie waren der Meinung, dass Punks sich nicht so stark organisieren dürften – das wäre nicht Punk. Die einzigen, die irgendwie organisiert waren, waren diejenigen, die Konzerte machten. Und andere wollten nicht Punks genannt werden – sie sagten, Punks seien die, die auf der Straße leben, um Geld schnorren und sich besaufen, und sie selbst seien Crust oder irgendwas anderes. Und mir gefiel nicht, dass kaum jemand ein Fanzine machte – zu dieser Zeit machte hier in Mexiko fast jeder ein Fanzine, obwohl keiner Geld hatte, machten sie Fanzines per Fotokopie. Und dort, wo ich gewohnt habe, gab es eine Druckpresse und trotzdem hat keiner ein Fanzine gemacht.
Und die Leuten, mit denen ich zusammengelebt habe, schienen mir auch nicht so besonders politisch zu sein. Manchmal gab es politische Aktivitäten, die die Leute von der Antifa organisiert haben, und die Punks haben das unterstützt, aber sie waren nicht die, die sie angestoßen haben. Und ich, der hier her kam… in Mexiko und Lateinamerika ist der politische Anarchismus dank Punk wiederbelebt worden. Der war in allen Ländern fast tot und ist dadurch wieder aufgekommen. Wenn du eine anarchistische Bewegung haben wolltest, dann war das die Punk-Bewegung. Heute hat sich das weiter verbreitet und ausdifferenziert. Es gibt auch Anarchisten anderswo – aber die Mehrheit dieser Leute hat die Ideen aus dem Punk. Und das zu kennen und dann anschließend in Deutschland eine so entpolitisierten Punk zu sehen, hat mich schon ein bisschen enttäuscht.
Später habe ich gedacht, dass ihr aus kulturellen Gründen vielleicht andere Wege habt, euch zu widersetzen und zu rebellieren und dass ihr andere Dinge macht.Aber ich habe auch in anderen Ländern Europas gesehen, dass viele Punk nicht als Kultur sehen, sondern nur als Musikrichtung oder eine Art sich anzuziehen. Nun, das ist eine sehr komplexe Sache. Ich habe einige Zeit sehr schlecht darüber geredet, aber dann habe ich gedacht, man muss länger irgendwo wohnen und die Gründe für diese Dinge besser verstehen, sie besser kennenlernen. Ich habe halt viel Unterschiede entdeckt und es nicht geschafft, sie zu verstehen.
Manchmal denke ich, dass es für den Punk nicht gut ist, wenn es zu viel gesellschaftlichen Wohlstand gibt. Wenn es viel Geld gibt, viel Luxus, viele Annehmlichkeiten ist das kein gutes Umfeld dafür, wie sich Punk entwickelt. In den Ländern Lateinamerikas oder – wie berichtet wird – in Malaysia, auf den Philippinen sind die Punks besser organisiert und entschlossener, weil sie das Elend selbst erleben und nicht nur sehen, dass es das in anderen Ländern gibt. Außerdem sind sie viel stärker von Repression betroffen, also müssen sie kämpfen. Das ist ein Unterschied, den ich zu Deutschland oder anderen reichen Ländern sehe, wo es den Punks meist besser geht und sie in den Gesellschaften stärker akzeptiert und integriert sind.

PUNK UND POLITIK

M: Okay, wie ihr schon erzählt habt, organisiert ihr euch als Punks hier stark in Kollektiven – etwas was in Deutschland nicht besonders normal ist. Was heißt es für euch, sich in einem Kollektiv zu organisieren? Welche Ideen stehen dahinter?
S: „Kollektiv“ definiert das, was wir hier mit unserem Projekt vor allem beabsichtigen: Praktisch versuchen das Leben gemeinschaftlicher zu leben, in einer weniger individualistischen Weise, weniger auf sich selbst bezogen: Gemeinsam etwas auf die Beine stellen, gemeinsam leben, gemeinsam kämpfen, unser Wissen und unsere Sachen teilen, gemeinsam alles durchstehen. Klar gibt es immer wieder Konflikte, aber das ist dann ja nicht gleich das Ende, sondern das gehört mit dazu.
Diese Lebensweise hat in Mexiko und vielen Teilen Lateinamerikas eine lange Tradition, ist hier auch noch präsenter als in hochindustrialisierten Gesellschaften. Aber leider gerät das immer mehr in Vergessenheit. Es geht also auch darum wieder praktische Beispiele zu leben, zu zeigen, dass die Vorstellung, dass eine individualistische Lebensweise ein Privileg ist, ein ist Vorurteil.
Als ich noch sehr jung war, hatte ich bereits meine ersten Erfahrungen in Kollektiven. Ich fand toll, dass es Lernkreise gab, dass es einen Ideenaustausch gab. Das war etwas, dass ich vorher in meinen sozialen Umfeldern von Freunden und Familie so nicht kannte – da gab es nie eine so tiefgründige und breite Kommunikation. Das war alles viel oberflächlicher.
C: Als ich das erste Mal in ein Kollektiv eingetreten bin, war das mit der Idee, die Welt zu verändern. Als Jugendlicher und Anarchist hast du vor, die Welt zu verändern, die Gesellschaft zu verändern. Aber mit den Jahren merkst du, dass es nicht so einfach ist, die Welt zu verändern (lacht). Du lernst viel dazu, erfährst viele Enttäuschungen – sowohl von Menschen als auch von Ideen. Ich beabsichtige weiter eine Veränderung oder zumindest, sich als Person zu verändern, zu lernen, wie man mit anderen zusammen leben kann. Das ist eine der wichtigsten Sachen bei der Idee eines Kollektivs: Zu lernen, wie man gemeinsam und in Gemeinschaft leben kann und wie man etwas zusammen erreichen kann.
Unserer Meinung macht das kapitalistische, neo-liberale System die Menschen zu isolierten Individuen: Jeder in seinem Haus mit seinem Computer, mit seinem Auto – jeder mit seinen Besitztümern. Heute haben die Leute mehr Kommunikation über den Computer als im direkten Kontakt. Oft weißt du nicht, wer dein Nachbar ist, aber hast hundert Freunde bei Facebook. Um dagegen zu kämpfen, lernen wir, uns in Kollektiven und Gemeinschaften zu organisieren und so zu leben. Oft denken die Leute: „Es ist einfacher mein eigenes Fanzine alleine zu machen, um nicht auf andere Leuten angewiesen zu sein.“ Aber es ist wichtig zu lernen sich mit anderen Leuten zusammenzutun, denn, wenn du etwas verändern willst, musst du das mit anderen zusammen machen.
Und wir organisieren uns in Kollektiven, um unsere Ideen zu potenzieren: Ich alleine kann im Bereich von Freier Software einiges machen, aber wenn ich mich mit 5 Leuten zusammentue, können wir viel mehr machen. Ich kann von den Anderen lernen, ich kann mein Wissen teilen – also: lernen und lehren. Das sind die grundlegenden Idee dabei, sich in Kollektiven zu organisieren.

M:Ihr seht euch selbst sowohl als Punks als auch als politische Aktivisten. Wie und was ist für euch die Verbindung zwischen Punk und Politik?
P: Ich sehe Punk als Bewegung und als Einstellung. Eine rebellische Einstellung, eine Einstellung, die Dinge zu hinterfragen, die DIY-Idee, mit all dieser Energie und Wut, die Punk ausmacht. Und daher ist Punk automatisch politisch. Nun, es ist ein schwieriges Thema, denn es gibt Punks, die wenige politische Aktivitäten machen, nicht bewusst politisch sind, aber sie leben so, wie sie es wollen, sie leben die Punk-Einstellung. Wie gesagt: Für mich ist Punk selbstverständlicherweise politisch – aber bei wie vielen Aktivitäten man mitmacht und wie weit man sich als Punk sieht, das ist die Entscheidung jedes Einzelnen.
C: Ich sehe die Verbindung zwischen Punk und Politik auch als etwas selbstverständliches. Als ich die Songs gegen Polizei oder Regierung gehört habe, habe ich das nicht für ein Witz gehalten. Ich habe das ernst genommen. Und ich war der Meinung, dass man nicht nur protestieren muss, sondern auch Widerstand leisten und aktiv etwas dagegensetzen muss. Später habe ich gemerkt, dass viele dieser Bands absolut gar nichts machen. Das hat mich schon enttäuscht. Aber in mir haben sie mit ihren Texten etwas verändert. Es hat mich später auch überrascht, andere Leute zu sehen, die so unpolitisch waren. Auf dem ersten Konzert, auf das ich gegangen bin, hat es mich sehr enttäuscht, so viele Leute besoffen und mit Drogen vollgepumpt zu sehen. Und ich habe mich gefragt: „Wo ist hier die Anarchie? Wo ist hier eine politische Alternative?“ Daher habe ich dann Kollektive gesucht, um mich zu organisieren, weil ich bei den Konzerten nicht das Gefühl hatte, dass von diesen Vorstellungen etwas umgesetzt wird.
S: Punk hatte immer einen seiner Ursprünge in dem Gefühl von Ungerechtigkeit. Und da Punk sich immer als eine Gegen-Kultur verstanden hat, heißt das ja wohl, dass er gegen die dominante Kultur ist, die hilft, das Herrschafts-System zu stabilisieren. Sobald du das als Definition von Punk nimmst, definierst du ihn auch als etwas politisches. Das kann man nicht trennen. Man kann nicht sagen „Ich bin ein unpolitischer Punk!“. Punk ist politisch.
Einer der bedeutendsten Ausdrucksweisen des Punk ist die Do-It-Yourself-Einstellung, diese Lebensphilosophie. Die Einstellung, zu sagen, ich brauch kein großes Plattenlabel, keine große PR und all diese Scheiße. Das ist eine Art, die Selbstbestimmung, die Autonomie zu verwirklichen. Die Anarchie in einer sehr praktischen Weise, ohne das vorher theoretisch durchzureflektieren: „Wie Bakunin sagt… Wie Kropotkin sagt…“ – nein, der Gedanke war: „Warum soll ich diesen Typen gestatten, mich zu benutzen, um Geld zu verdienen? Ich mache das selbst!“ Die DIY-Einstellung hat Punk geholfen, seinen unabhängigen Geist, seine Autonomie zu bewahren. Diese Einstellung muss man sich erhalten, denn sie hat Punk bis heute am Leben gehalten.

M: Was sind eure Inspirationen bei dieser Verknüpfung zwischen Punk und Politik?
C: Das waren sogenannte „Peace-Punk-„ oder „Anarcho-Punk“-Bands: Crass, Conflict und viele andere aus England und Italien wie Wretched, die Leute von der Besetzung „Virus“. Wir haben davon ein Video gesehen und sie sagten, dass sie ein Haus besetzt haben, um in Gemeinschaft zu leben und den Drogen zu entkommen. Wenn die Punks auf der Straße leben, dann endeten sie früher oder später als Heroin-Abhängige. Also zogen sie es vor, einen Raum zu besetzen und eine Alternative zu den Drogen auf der Straße zu suchen. Diese Ideen sahen wir auch in anderen Kollektiven und besetzten Häusern in den USA, in Brasilien und anderen Ländern.
Danach probierten wir viele dieser Inspirationen aus und sahen, dass es anders war als man es sich vorgestellt hat. Dann waren vor allem wir selber unsere Inspirationen: Uns gefiel, was wir machten, und wir wollten es verbessern. Des Weiteren gibt es viele andere Inspirationen: Den Anarchismus, die Befreiungsbewegungen Lateinamerikas, die Situationisten11 und so weiter.
P: Neben dem was Chiwy schon gesagt hat, sind es die verschiedenartigen Autonomie-Bewegungen überall in der Welt, die die Punk-Kollektive ideologisch beeinflusst haben. Außerdem die Studierenden des 68er-Frühlings in Paris, der Dadaismus12. Die Einstellung die Dadaisten zu Kunst hatten, kann man als Metapher sehen, wie wir verschiedene Dinge sehen. Und viel auch die Art, wie sich Crass organisiert haben: Sie waren vor allem eine politische Gruppe, hatten – wie Penny Rimbaud sagt – sogar zeitweise starken politischen Einfluss. Gleichzeitig waren sie eine Musikgruppe und sie lebten im Kollektiv. Sie stellten ihre eigene Kleidung und ihr eigenes Essen her.
Das sind unsere Einflüsse: Sie sind in verschiedenen Dingen gescheitert und sie lebten in ihrer Zeit und ihrem Kontext – wir leben in unserer Zeit und in unserem Kontext und wir versuchen nicht die selben Fehler zu machen, die Andere vorher gemacht haben.
S: Einer meiner größten Einflüsse ist, dass ich schon seit vielen Jahren über die Umwelt nachdenke und was damit passiert: Die Verschmutzung und die Unverbundenheit, die wir als menschliche Spezies zu unserer Natur und unserer Umwelt haben. Wir müssen uns wieder als Teil dieser Natur begreifen, nicht denken, wir stünden auf der einen Seite und die Tiere und die Natur auf der anderen. Wir sind auch Tiere und wir sind auch Natur, wir sind verbunden mit dieser Natur.
Viele Einflüsse habe ich auch aus den indigenen Kulturen Lateinamerikas – ihre gelebte Autonomie, ihr Wissen, ihr Weltbild. Das ist sehr wichtig und kann uns weiterhelfen, aber es ist fast vergessen. Wir sind zwar Mischlinge zwischen den Spaniern und den Indigenas, aber es ist wichtig uns auch mit der indigenen Kultur und ihrem Wissen zu verbinden. Das sind keine Sachen aus der Vergangenheit oder etwas rückständiges, sondern sie weisen uns den Weg in eine bessere Welt. Die Industrialisierung hingegen ist keine Lösung für die Problem, die uns heute quälen, sondern hat noch mehr Probleme erzeugt.

M: Neben dem Leben im Kollektiv und dem Z.A.M. als Freiraum, wie lebt ihr euren politischen Überzeugungen praktisch in eurem Alltag?
C: Wie andere Menschen auch sind wir Personen, die konsumieren und diese Erde schädigen. Daher versuchen wir, eine nachhaltige Lebensweisen zu lernen – also zu versuchen, unserer Umwelt so wenig wie möglich zu schaden. Wir haben etwa einen Kompost, verwenden unser Wasser wieder, kaufen keine Produkte der mulitnationalen Konzerne, die den Menschen und dem Planeten besonders stark schaden.
P: Das sind alltägliche Praktiken bis hinunter auf die persönliche Ebene: Etwa kein Fleisch zu essen, bestimmte Produkte oder Marken nicht zu kaufen. Das sind sehr kleine Dinge, die wir alltäglich machen, aber damit verändern wir bereits etwas, erzeugen einen Wandel, der in uns selbst wächst. Es ist verdammt schwer, die Welt zu verändern, aber ich glaube, du kannst das verändern, was in deiner Umgebung ist, was in deinen Händen liegt, du kannst dich verändern. Wenn viele Menschen das verändern, was in ihren Händen liegt, dann wäre das schon ein großer Schritt nach vorne.
C: Wenn ich mich mit meinen Schulfreunden vergleiche – die Mehrheit von ihnen ist bereits verheiratet und hat eine Arbeit, die ihnen nicht gefällt, die sie aber machen müssen, um genug Geld zu verdienen. Die scheinen nicht besonders glücklich mit ihrem Leben zu sein – und zumindest bin ich zufrieden mit dem Leben, das wir gemeinsam aufgebaut haben. Dieser Art zu leben, ist für mich das Richtige. Sie gibt mir viel. Das ist das, was momentan eher möglich ist, um die Welt zu verändern. Aber man muss sich auch klar sein: Das reicht nicht aus – denn wenn du nicht weitermachst dafür zu kämpfen, dass sich generell etwas ändert, dann erdrückt der Kapitalismus dich und deinen kleinen selbstbestimmten Freiraum schnell wieder. Also müssen wir auch generell gegen die bestehenden Unterdrückungen kämpfen.

M: Ihr habt es schon erwähnt: Hier in Mexiko gibt es die Zapatistas und andere innovative linke Basis-Bewegungen – wie etwa die Bewegung in Oaxaca oder die Leute aus Atenco. In welcher Weise seit ihr mit ihnen verbunden? Wie unterstützt ihr sie und sie euch?
P: Erstmal sind wir den Zapatistas ideologisch verbunden. Sie haben uns gezeigt, dass es möglich ist selbstbestimmt zu leben. Einer ihrer ersten Ziele war es, autonome Gemeinden zu schaffen. Sie haben die Regierung darum gebeten, ihnen die Möglichkeit zur Autonomie zu geben. Die Regierung hat sie ihnen nicht gegeben, also haben sie sie selbst aufgebaut, gegen die Regierung. Sie sind für mich ein großes Vorbild, von dem wir gelernt haben, nicht zu warten, bis jemand uns die Erlaubnis gibt oder es für uns macht, sondern: Wenn uns etwas nicht gefällt, dann packen wir es selbst an.
S: Und direkt unterstützt haben wir sie auch. Wir haben Solidaritäts-Karawanen in die zapatistischen Gemeinden nach Chiapas mitgemacht, waren auf Demos und zapatistischen Treffen. Es ist wichtig, zu zeigen, dass die Zapatistas nicht alleine sind, sondern das es Unterstützung und Sympathie aus den Städten, innerhalb der Jugend und innerhalb der Punk-Szene gibt – auch wenn sie im Urwald sind und wir hier, weit weg von ihnen.
C: Was die anderen Bewegungen angeht – nun, wir sympathisieren ab dem Zeitpunkt, wo eine Gemeinde sikch gegen das wehrt, was die Regierung versucht ihnen aufzuzwingen. Etwa im Fall von Atenco, wo man versucht hat, ihnen ihr Land zu stehlen. Das sind Selbstversorgungs-Bauern, von denen die meisten ihr Land als ihre Mutter betrachten, etwas, das sie immer haben werden, das ihnen ihre Vorfahren weitergegeben haben. Und dann kam eines Tages die Regierung und wollte sie enteignen. Sie haben sich entschlossen Widerstand zu leisten und gegen die Regierung zu kämpfen13. Für uns ist das etwas sehr würdevolles, bewundernswertes, unterstützenwertes. Ganz ähnlich in Oaxaca, wo die Bevölkerung den alten Machthabern und ihren Seilschaften müde wurde. Daher sind sie auf die Straßen gegangen um zu kämpfen14. Wir versuchen das zu unterstützen, wo wir können, aber wir sind halt auch keine große oder besonders starke Gruppe.
Auf den Barrikaden in Oaxaca hat man immer Punks gesehen, in Atenco hat man immer Punks gesehen – die sind nicht die ersten und nicht die Anführer, aber man sieht sie immer bei diesen Kämpfen. Die Zapatistas haben auf ihrer Tour durch das ganze Land in vielen ihrer Erklärungen die Punks erwähnt. Sie erkennen uns als eine aufrichtige Kraft im Kampf an. Sie ist nicht groß, aber sie ist immer da und leistet Widerstand. Und die Zapatistas sagen, dass der beste Weg, ihnen zu helfen, nicht sei, nach Chiapas zu kommen, sondern, dass du dich bei dir zuhause organisierst und dort kämpfst. Und das ist das, was wir vor allem machen: Wir organisieren uns in unserem gesellschaftlichen Umfeld und kämpfen dort.
S: Eine der größten Hilfen, die man jeder Autonomie-Bewegung geben kann, ist selbst die Autonomie zu praktizieren.
P: Ja, wir haben versucht sie zu unterstützen, aber das Wichtigste ist, was wir tagtäglich von ihnen für unser Leben lernen und dass wir unsere Autonomie selbst leben.

M: Vielen Dank! Habt ihr noch Schlussworte?
P: Wen unser Freiraum hier, mit all seinen Aktivitäten und Ideen mehr interessiert, der kann sich unsere Website ansehen, mit uns in Kontakt treten und sich mit uns vernetzen. Meldet euch oder kommt vorbei!
C: Ja! Und organisiert euch in eurem gesellschaftlichen Umfeld und kämpft gegen die existierende Ausbeutung!

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Wer mit den Leuten aus der Z.A.M. in Verbindung treten will, der kann sich bei ihnen in Spanisch oder Englisch per Mail melden: zam---ait---riseup.net. Auf der Homepage der Z.A.M. (www.espora.org/zam) und der Furia de las Calles (www.espora.org/furia) gibt es noch mehr Infos – allerdings meist nur auf Spanisch. Mehr spanische Infos zum Hacklab, dem Hacker-Labor von Pirra, Chiwy und anderen findet ihr hier: http://hacklab.espora.org. Wer sich mehr für die Kunstkollektive von Santi und deren Arbeiten interessiert, findet hier mehr: www.justseeds.org (in Englisch) und www.colectivocordyceps.org (in Spanisch).

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  1. Autonome Zone Makhnovtchina [zurück]
  2. Für diesen sind das Situationen, in denen herrschende Gesetze und Ordnungen zeitweise und örtlich begrenzt außer Kraft treten, Autoritäten ihre Macht verlieren und unvorhersehbare, gemeinschaftliche Erfahrungen möglich werden, mehr unter: www.de.anarchopedia.org/Temporäre_Autonome_Zonen [zurück]
  3. Die Makhnovtchina-Bewegung kämpften am Anfang des 20. Jahrhunderts für eine anarchistische Gesellschaft und widersetzte sich dabei zunächst der Armee des Zaren und später den Bolschewisten; mehr unter: http://en.wikipedia.org/wiki/Free_Territory [zurück]
  4. Wut der Straße [zurück]
  5. Aufsässigkeit [zurück]
  6. Ein südlicher Bundesstaat Mexikos [zurück]
  7. Stadt an der Grenze zu Kalifornien [zurück]
  8. Jahrestag des Massakers bei dem 1968 in Mexiko Stadt hunderte von friedlichen Demonstrant_innen von Polizei und Armee erschossen wurden. [zurück]
  9. Wöchentlicher Subkultur-Markt in Mexiko Stadt [zurück]
  10. Mittlerweile waren Rattus schon in Mexiko und laut Pirra war die Tour ein großer Erfolg – auf der Rattus-Homepage gibt es dazu einige Videos und Fotos: www.rattus.fi [zurück]
  11. In den ’60ern linksradikale, anti-kapitalisitsche Künstler_innen- und Intellektuellen-Gruppe, die Kunst mit Politik und Alltagsrealität verbanden. [zurück]
  12. Während des 1. Weltkrieges entstanden, war der Dadaismus eine anarchische Künstler_innen-Revolte gegen die Konventionen der Kunst und das Wertesystem der Gesellschaft. [zurück]
  13. Auf dem Land der Gemeinde wollte die Regierung 2002 einen neuen Flughafen für das nahe Mexiko Stadt bauen. Die Bewohner_innen wehrten sich dagegen und hatten schließlich Erfolg: Der Flughafen wurde nicht gebaut. Anschließend waren sie aber immer wieder Opfer brutaler behördlicher und polizeilicher Repression. Es gab Tote, Verletzte, Folter, Vergewaltigungen und politische Gefangene. [zurück]
  14. Im Bundesstaat Oaxaca wurde 2006 nach brutaler polizeilicher Repression gegen Protestierende, Regierung und Polizei von einer breiten sozialen Bewegung aus der Hauptstadt vertrieben. Erst nach mehreren Monaten schaffte es die Bundespolizei mit brutaler Gewalt, die Hauptstadt wieder einzunehmen – dabei wurden viele Menschen erschossen oder schwer verletzt. [zurück]

Eine erfahrbare Alternative gegen die militaristische Kultur schaffen

Kolumbianisches Straßentheater zu Gast in Düsseldorf

Erschienen in: TERZ – autonome Stattzeitung für Politik und Kultur in Düsseldorf und Umgebung, Nr. 06/2009
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Am 16.6. wird die Straßentheatergruppe von „Red Juvenil“, einer antimilitaristische linken Jugendorganisation aus Medellín, im Linken Zentrum ihr Stück „Entre Cuerpos y Tambores Habla la Esperanza“ aufführen. Anschließend berichten sie über die Situation in ihrer Heimat.

Kolumbien bietet für jungen Menschen kaum Chancen. Arbeitsplätze sind rar, eine ausreichende Bildung bekommen nur die, die es sich leisten können. Reichtum, Macht und Chancen konzentrieren sich in den Händen Weniger. Gewalt bestimmt den sozialen und politischen Alltag: Seit Jahrzehnten herrscht sowohl Bürger- als auch Drogenkrieg, beide eng miteinander verbunden. Polizei, Militär und Paramilitär, Drogenkartelle und die Guerilla – alle Seiten leben mittlerweile von der Fortdauer dieses Konflikts, der ihnen Macht und Auskommen sichert und aus dem daher ein Ausweg immer schwieriger wird.
Diese Lage hat eine militaristische Kultur aus Angst und Überwachung hervorgebracht, die die Regierung nutzt um jede Opposition auszuschalten. Kritische Stimmen werden eingeschüchtert und ermordet. Die durchaus existierende und widerständige Zivilgesellschaft ist dadurch ständig bedroht.

Leidtragende sind bei alldem gerade die Jugendlichen. Sie haben oft nur die Wahl ihre Chance im boomenden Drogenhandel zu suchen, sich an Schutzgelderpressung oder Auftragsmorden zu beteiligen oder bei der staatlichen Gewaltmaschine aus Militär und Polizei anzuheuern. Es fehlen die Möglichkeiten alternative Lebensformen kennenzulernen und zu leben, die Möglichkeiten über Kreativität und in Gemeinschaft mit anderen eine Identität aufzubauen, von der aus Widerstand und gesellschaftliche Veränderung möglich werden.

Genau hier setzt „Red Juvenil“ an. Als antimilitaristisches Netzwerk basisorientierter Jugendgruppen aus Medellín organisiert es Kulturangebote für die Jugendlichen, unterstützt Kriegsdienstverweigerer und leistet durch direkte gewaltfreie Aktionen Widerstand gegen die staatlichen und paramilitärischen Gewaltapparate. Ziel ist es, der militaristischen Kultur in Staat und Gesellschaft eine lebbare Alternative entgegenzusetzen.

Solch gelebter Widerstand gegen die brutalen Herrschaftsverhältnisse führt jedoch immer wieder zu Drohungen gegen die Mitglieder des „Red“. So etwa im Mai 2008, als die bekannte paramilitärische Gruppe der „Aguilas Negras“ acht namentlich genannten Mitgliedern des Netzwerkes mit dem Tode drohte. Drohungen, die in Kolumbien wiederholt wahr gemacht wurden. Die staatlichen Autoritäten unternehmen nichts, gegen solche Einschüchterungen. Stattdessen blasen sie ins selbe Horn und rücken – wie erst kürzlich geschehen – „Red Juvenil“ und andere regierungskritische Gruppen als „Unterstützer von Terroristen“ in die Nähe der FARC-Guerillas.

Die Aktivisten des „Red“ lassen sich jedoch nicht einschüchtern. Sie sehen sich in der Tradition sozialer Kämpfe überall in Amerika. Besonders betonen sie hierbei die Bedeutung von alternativer Kultur und politischer Kunst. Diese soll auch bei ihrem Straßentheater ein Werkzeug sein, einerseits aktiv in die sozialen und politischen Prozesse einzugreifen und andererseits eine selbstbewusste, widerständige Identität aufzubauen. „Entre Cuerpos y Tambores Habla la Esperanza“ wird aufgeführt von jungen Leuten aus den Armenvierteln in Medellín. Durch Rhythmus, Musik und Tanz wollen sie ihre soziale Wirklichkeit darstellen und darüber Selbstvertrauen und die Kraft für Veränderung gewinnen.

Nach der Aufführung werden die Laienschauspieler über die Situation in Kolumbien und ihre Kämpfe dort berichten und Fragen aus dem Publikum beantworten. Das Stück kommt ohne Sprache aus, anschließend wird es eine deutsch-spanische Übersetzung geben.

¡Alerta!

„To survive the borderlands you must live sin fronteras, be a crossroads.“

(Gloria Anzaldúa)

Erschienen in: TERZ – autonome Stattzeitung für Politik und Kultur in Düsseldorf und Umgebung, Nr. 09/2008
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Die Veranstaltungsreihe „Nordgrenze“ im Linken Zentrum Hinterhof widmet sich dem kapitalistischen Schutzwall an der mexikanisch-amerikanischen Grenze.

Die Grenze zwischen den USA und Mexiko ist eine der bedeutendsten Grenzen der Welt. Jährlich sterben viele MexikanerInnen, ZentralamerikanerInnen und SüdamerikanerInnen bei dem Versuch, die Grenze in die USA auf illegale Weise zu übertreten. Sie verdursten in der Wüste, ertrinken im Rio Grande und im Meer oder werden auf ihrer Reise erschossen. Obwohl der illegale Grenzübertritt immer gefährlicher wird, gelangen Tausende ungeachtet der Gefahr jedes Jahr in die USA, um dort einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Sie hoffen auf eine besser bezahlte Arbeit, die es ihnen ermöglicht, ihre Familien zu ernähren. Viele von ihnen beginnen fern von ihren Familien ein Leben als SaisonarbeiterInnen auf Obstplantagen oder als unterbezahlte Hausangestellte. Arbeitskräfte, mit denen die US-amerikanische Wirtschaft und Politik ungeachtet der migrationsfeindlichen Rhetorik rechnet. Andere bleiben auf der mexikanischen Seite der Grenze, finden Beschäftigung in Billiglohnfabriken oder im Sexgewerbe. Wieder andere bestreiten ihren Lebensunterhalt, indem sie Menschen oder auch Drogen in die USA schmuggeln. Grenzstädte wie Tijuana oder Ciudad Juarez erlebten in den vergangenen Jahren ein rasantes Bevölkerungswachstum. Die Grenze ist in diesen Städten allgegenwärtig.Die Grenze zwischen Mexiko und den USA trennt nicht nur den „reichen Norden“ vom „armen Süden“, sondern auch ganze Familien. Sie zerschneidet den Strand und das Meer in Las Playas de Tijuana, die Wüste bei Ciudad Juarez und den Rio Grande. Sie zerschneidet Kulturen, Lebensgeschichten, Sprachen und Körper: Die politische Grenze verwandelt nicht nur den geographischen Raum in einen Grenzraum. Das Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA ist ein brutaler Raum, ein Ort, an dem die Schmerzhaftigkeit sozialer Unterschiede in vielerlei Hinsicht sichtbar wird. Der Grenzraum ist aber auch ein Ort der Bewegung und des Widerstandes. Ein Raum, in dem nationale, kulturelle und politische Identitäten immer wieder neu ausgehandelt werden. Ein Ort der Konfrontation, aber auch der Verbindung.

Der Themenmonat zur Grenze zwischen Mexiko und den USA im September 2008 soll sich den vielfältigen Dynamiken im Grenzgebiet auf unterschiedliche Weisen annähern.

Ab dem 30. August werden im Linken Zentrum Hinterhof zwei Ausstellungen zu sehen sein: „Ni una mas! Keine weiteren Morde mehr!“ setzt sich mit Gewalt gegen Frauen in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez auseinander und wurde von dem mexikanischen Künstlerinnenkollektiv „Ira del Silencio/ Zorn der Stille“ erstellt. „Die Grenze als (Über-)Lebensraum: Las Playas de Tijuana“ ist eine Fotoausstellung zum Grenzzaun in Las Playas de Tijuana von Tabea Huth (Berlin). Die Ausstellungen werden am Samstag, dem 30. August, mit einem Soli-Konzert von Vendigo und Supabond eröffnet. Außerdem wird zu diesem Anlass der Trickfim „Perdita“ (8 min., deutsch m. engl. und span. UT) der Berliner Filmemacherin Judith Bröhl gezeigt. Der Erlös der Veranstaltung soll der mexikanischen Angehörigenorganisation „Nuestras Hijas de Regreso a Casa!“ (Wir wollen unsere Töchter zurück!) aus Ciudad Juárez zugute kommen.

Über die Ausstellungen hinaus sollen im Rahmen von Vorträgen und Filmvorführungen auf einige Aspekte des Lebens im mexikanisch-US-amerikanischen Raum eingehen. Nach einer allgemeinen Einführung zum Komplex der mexikanischen Nordgrenze werden hier z.B. die Themen Frauenmorde in Ciudad Juarez, zivile Grenzpatroullien in Arizona (Minuteman Project), Arbeitsverhältnisse in Billiglohnfabriken, Grenzüberschreitende Kunst und Landbesetzungen in Tijuana erörtert. Die Veranstaltungen werden im September jeweils dienstags und donnerstags ab 19.30 Uhr im Linken Zentrum Hinterhof stattfinden.

Ziel ist es hierbei, nicht nur einen Austausch über das mexikanisch-US-amerikanische Grenzgebiet zu ermöglichen, sondern auch einen Raum für die Auseinandersetzung mit dem Thema „Grenze“ im Allgemeinen zu schaffen.

Tabea Huth

Der bedrohte „Aufstand der Würde“

14 Jahre nach ihrem bewundernswerten Aufstand droht den Zapatistas neue Gefahr

erschienen in: TERZ – autonome Stattzeitung für Politik und Kultur in Düsseldorf und Umgebung, Nr. 05/2008
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Am 15. Mai zeigt Cafe Bunte Bilder im Linken Zentrum den Film „Aufstand der Würde“, eine neue Doku über die zapatistische Bewegung, ihre Rebellion und alltäglichen Kampf im mexikanischen Bundesstaat Chiapas. Anlass genug, einen Blick auf die Hintergründe und die aktuelle Lage in Chiapas zu werfen, die sich in den letzten Monaten immer weiter zugespitzt hat.

Jahrzehntelang hatten die Zapatistas vergeblich versucht mit Demonstrationen, Petitionen und dem Aufbau von sozialen Organisationen friedlich auf ihre miserable Situation als indigene Bevölkerung aufmerksam zu machen. Daraufhin erhob sich die „Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung“ (EZLN) am 1. Januar 1994, dem Tag des Inkrafttretens des nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA, und besetzte mehrere Städte sowie Ländereien von Großgrundbesitzern.

Angetreten für indigene Autonomie, eine radikale Demokratisierung, Frauenrechte und eine Abkehr von der neoliberalen Wirtschaftspolitik, begannen sie anschließend diese Forderungen in den von ihnen eroberten Gebieten mit zivilen Mitteln umzusetzen und ein alternatives, solidarisches Gesellschaftsmodell zu etablieren. Dafür verteilten sie den Boden neu, bauten eine basisdemokratische Selbstverwaltung auf. Sie errichteten solidarischen Strukturen in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Landwirtschaft und kollektive Arbeit und stärkten die Rechte und gesellschaftliche Beteiligung von Frauen.

„Es ist nicht notwendig die Welt zu erobern. Es reicht, sie neu zu schaffen.“

Als konsequent basisorientierte Bewegung und anders als viele frühere Emanzipations- und Befreiungsbewegungen, geht es den Zapatistas in ihrem Kampf dabei nicht darum, mit Gewalt die Macht im Staat zu erobern. Stattdessen versuchen sie, möglichst gewaltvermeidend, undogmatisch und von Unten eine andere Gesellschaft aufzubauen. Oder, wie es ihr Sprecher und militärische Anführer, Subcomandante Marcos, auf den Punkt bringt: „Es ist nicht notwendig die Welt zu erobern. Es reicht, sie neu zu schaffen. Durch uns. Heute.“

Die Zapatistas stellten dabei ihre Rebellion von Beginn an in den nationalen sowie globalen Kontext des gemeinsam mit anderen Bewegungen geführten Kampfes gegen neoliberale Globalisierung und für eine gerechtere Gesellschaft. Ihre Parole „Eine andere Welt ist möglich!“ ist mittlerweile zum Motto der gesamten globalisierungskritischen Bewegung geworden.
Auf nationaler Ebene startete die EZLN im Sommer 2005 „Die Anderen Kampagne“: In einer gemeinsamen jahrelangen Mobilisierung sollen verschiedenste Organisationen „von unten und für unten“ ein außerparlamentarisches Linksbündnis aufbauen, um eine neue „wirklich linke und antikapitalistische Alternative“ zu schaffen. Bisher haben sich dieser Bewegung bereits über 1.000 Organisationen angeschlossen – neben ArbeiterInnen- und BäuerInnenorganisationen auch Frauengruppen, indigene Organisationen, Umweltgruppen sowie Medien- und Kunstkollektive.

Staatliche Repression

Die mexikanische – und internationale – Zivilgesellschaft war es auch, deren hunderttausendfachen Solidaritätsbekundungen verhinderten, dass 1994 Regierung und Armee die Zapatistas mitsamt ihrer indigenen Basis militärisch vernichteten. Stattdessen kam es zu einem Waffenstillstand und 1996 zum Abkommen von San Andres über indigene Selbstverwaltung.
Trotzdem untergraben lokale MachthaberInnen und mexikanische Regierung bis heute die Erfolge der zapatistischen Bewegung mit Desinformationskampagnen, Repression und (para-)militärischer Gewalt. Zu dieser Strategie des „Krieges niederer Intensität“ – von den USA entwickelt und seit Jahrzehnten an lateinamerikanische Militärs vermittelt – gehören auch die immer wieder vorkommenden blutigen Überfälle durch regierungsnahe Paramilitärs. Diese werden in den Konflikt getrieben, indem die Regierung die akute Landknappheit in Chiapas ausnutzt. Staatliche Stellen vergeben Landtitel für Land, das bereits den Zapatistas gehört, und schaffen es so, indigene Gruppen gegeneinander auszuspielen. Der so erzeugte Konflikt zwischen verschiedenen indigenen Gruppen ermöglicht es dem Militär dann, als vermeintlich „neutrale“ Kraft für „Ruhe und Ordnung“ zu sorgen.

Besorgniserregend ist, dass seit einigen Monaten die ohnehin schon hohe Militarisierung der Region weiter zunimmt und die Repressionen und Übergriffe gegen Zapatistas und ihre Gemeinden sich häufen. Als Konsequenz hat Subcomandante Marcos im Dezember angekündigt, bis auf Weiteres werde sich die Kommandantur der EZLN aus der Öffentlichkeit und in den Urwald zurückziehen, um sich auf eine immer wahrscheinlicher werden militärische Auseinandersetzung vorzubereiten. Bisher jedoch hat die zapatistische Selbstverwaltung beschlossen, sich nicht durch die zunehmenden Aggressionen provozieren zu lassen, da eine militärische Reaktion genau der Vorwand wäre, den die mexikanische Armee braucht, um eingreifen zu können.

Wirtschaftliche Interessen

Hinter der sich verstärkenden Gewalt gegen die Zapatistas stehen aber nicht nur politische, sondern auch starke wirtschaftliche Interessen. Denn die Zapatistas und viele andere soziale Bewegungen wenden sich seit Jahren gegen aufoktroyierte neoliberale „Entwicklungsprojekte“ wie den Plan Puebla Panama (PPP). Der PPP ist ein Mega-Projekt zur umfassenden ökonomischen Neugestaltung von ganz Mittelamerika – einer Region, die aus Perspektive des Kapitals noch immer nicht ausreichend an den Markt angekoppelt ist, und durch den Plan anschlussfähig und somit ausbeutbar gemacht werden soll. Doch die Elemente des Projektes wie Staudämme, Infrastrukturmaßnahmen, Billiglohnfabriken, der Ausbau von Monokulturen und die Ausbeutung von Ressourcen, versprechen zwar transnationalen Unternehmen hohe Gewinne, schadet aber Bevölkerung und Umwelt.
Bei den Maßnahmen zur Umsetzung des PPP sind insbesondere die Menschen im Weg, die in tausenden Dörfern auf dem Land leben. Sie werden vertrieben, ihre Gemeinden zerstört. Gleichzeitig wird versucht, das Leben in den ländlichen Regionen grundsätzlich umzustrukturieren. Die Landbevölkerung wird in die Städte gelockt, Gemeindeboden wird privatisiert und Staat und Industrie bemühen sich, den KleinbäuerInnen die Abhängigkeit von der Agro-Industrie a la Monsanto und Bayer schmackhaft zu machen. Auch wir geprüft, ob die Produktion des umstrittenen Palmöldiesels rentabel ist. Ein großflächiger Anbau der Ölpalme würde zu weiteren Monokulturen und einer erneuten Ausbreitung der Lohnsklaverei, sowie massiven Umweltschäden führen. Dörfliche Sozialstrukturen würden weiter zerstört.

Zusätzlich dazu kommt der von Umweltgruppen kritisierte „Naturschutz ohne Menschen“. Also gemeinsame Anstrengungen von Staat und Industrie, die angestammte Bevölkerung im Namen des „Umweltschutzes“ aus den noch intakten Regenwaldgebieten und anderen Ökosystemen zu vertreiben, um anschließend die dortigen Wasservorkommen, Bodenschätze und die Biodiversität ökonomisch ausbeuten zu können.

Und noch von anderer Seite droht Gefahr: Es existieren Pläne, Chiapas in ein neues touristisches Mekka und ein öko-archäologisches Musterprojekt zu verwandeln. Doch was für potentielle Investoren und Urlauber „Ökotourismus“ und „Partizipation der Bevölkerung“ genannt wird, bedeutet für die Bevölkerung vor Ort Vertreibung, Landenteignung oder aber die Wahl zwischen Verelendung und der Verdingung als billige Lohnarbeiter. Im Zusammenhang mit diesen Plänen ist wohl auch die jüngste Zunahme von Repressionen und Übergriffe im Umfeld der berühmten Wasserfälle von Agua Azul zu sehen.

Verstärkte internationale Aufmerksamkeit und Solidarität gefragt

Insgesamt ergibt sich also ein ambivalentes Bild: Einerseits scheint die zapatistische Bewegung stärker und – über die Grenzen von Chiapas hinaus – aktiver geworden zu sein. 14 Jahre nach ihrem Aufstand haben sie gezeigt, dass emanzipatorischer Widerstand und eine andere, solidarische Gesellschaft möglich sind. Andererseits ist ihr Projekt zunehmend durch staatliche Gewalt und wirtschaftliche Interessen bedroht.

Daher ist es jetzt wichtig, dass die internationale Öffentlichkeit wieder verstärkt die Augen auf die Entwicklung in Chiapas richten und der mexikanischen Regierung deutlich macht, dass sie politische Kosten zu fürchten hätte, würde sie verstärkt gegen die Zapatistas vorgehen.

Luz Kerkeling (Chiapas) und Martin Mäusezahl